Symphonie der Langeweile

Einmal wöchentlich beschäftige ich mich für die Dauer eines halben Jahres mit dem wohl signifikantesten, bedeutsamsten und essenziellsten Thema der Welt, nämlich dem “Satzgefüge im Deutschen”. Ihr könnt euch nicht vorstellen mit welchem unglaublichen Stolz mich diese Aufgabe erfüllt. Im Rahmen dessen beschäftige, ähm pardon sollte ich mich eigentlich “integrativer Spitzenstellung”, “generalisierenden Bedingungssätzen” oder “Antecedens-Sätzen” zuwenden. Ich kann euch sagen: Hierbei handelt es sich um ein 90-minütiges Vergnügen der unvergleichlichen Art, ein Feuerwerk der linguistischen Genüsse, ein kaum zu beschreibender Adrenalinkick! Und was soll ich sagen, diese einmalige Symphonie der Langeweile, in welcher Sekunden zu Stunden, Minuten zu Tagen und Stunden zu Wochen werden, entwickelt sich immer mehr zu einem Lebenszeit verzehrenden Monster. Verzweifelt versuche ich die Zeit zu verkürzen indem ich die Karos meines Blocks einfärbe, den Spliss in meinen Haaren suche und obendrein in eine Todesstarre ähnliche Position verfalle. Und natürlich bietet es sich auch an einmal den Blick über die hier versammelte Runde schweifen zu lassen. Hier zeigt sich nun die zukünftige akademische Elite in ihrer ganzen herrlichen Pracht und Vielfalt:
Als erstes hätten wir da die blondierte Schönheit (vielen ist diese auch unter der Bezeichnung “Perlenpaula“ bekannt), die sich ihre Zukunft bereits doppelt, nämlich einmal durch Papi und des weiteren durch eine lukrative Verbindung mit einem angehenden, erfolgsverwöhnten Lacoste-Adonis der Marke angehender Rechtsanwalt abgesichert hat. Schließlich will die neue Louis-Vuitton-Tasche, die soeben auf dem schicken rosanen iPhone bereits ausgesucht worden ist, finanziert sein.
Etwas weiter vorne stoßen wir auf den wurstgesichtigen Erdigen. Dieser kann sich kaum mehr aufrecht halten. Verdenken kann ich ihm das nicht, vielmehr bietet er mir durch die Beobachtung seines Wach-Schlaf-Kampfes eine willkommene Abwechslung. Dennoch würde ich mir wünschen, dass sein Gesicht wenigstens einmal auf den Tisch knallen würde, weil er es im Rahmen der WM nicht versäumt hat jegliches schwarz-rot-goldene Accessoire an, auf und neben sich zu platzieren.
In der Mitte trifft man nun auf die Stillen. Sie horchen zwar aufmerksam zu, melden sich jedoch niemals und unter keinen Umständen, würde dies doch die Aufmerksamkeit zu sehr auf sie ziehen. Aufgrund keiner einzigen Auffälligkeit der Einzelnen fällt es schwer die eine von der anderen bzw. den einen vom anderen zu unterscheiden. Genau dies ist der Grund weshalb ich mich bereits öfters gefragt habe, ob es sich bei diesen, zumeist beige gekleideten Menschen lediglich um Roboter handelt, die den Raum gefüllt erscheinen lassen sollen.
Direkt daneben treffen meine müden Äuglein auf das Antlitz der sozial Erfolgreichen. Diese zeigen sich stets in einer mittelgroßen-großen Herde, niemals alleine. Ein Referat wird unter keinen Umständen unabhängig von diesen Menschen gehalten, zu groß ist die Angst vor der Selbstständigkeit – man könnte etwa plötzlich eine eigene Meinung entwickeln, dies gilt es zu vermeiden. Schließlich verläuft auch sonst alles in einem gewohnten, unumstößlichen Schema: Montags geht es ins Flatrate-Fitnessstudio, Dienstags trifft man sich (je nach Geschlecht) zum Gilmore Girls/ Fußball Abend, Mittwochs geht’s ab ins Top 10 zur Studi-Party, Donnerstags ins Clubhaus (als besonders beliebt erweisen sich hier die Sportlerabende, schließlich entsprechen deren Körper den gängigen medialen Ansprüchen), Freitags macht man sich sodann auf den nachhause Weg ins Heimatdorf.
Abschließend beguck ich nun den fachlichen Nerd. Jede Woche fiebert er ernsthaft diesem schrecklichen Moment, dem Beginn des Seminars entgegen. Die in den Sandalen steckenden Socken werden zu diesem Anlass schon einmal stramm, bis zum Anschlag hinaufgezogen, das Haar und die blasse Haut gefettet, sowie das stilvolle 80iger Jahre Hemd bereitgelegt, welches dann zu passendemn Zeitpunkt verknittert unter einem Pullunder zu voller Geltung kommt. Eventuell besteht die Möglichkeit, dass es sich bei diesem Exemplar um einen ganz netten Menschen handelt, das Erkennen fällt jedoch aufgrund des Verständnisproblems recht schwer.

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