Nächster Halt * (J)ammertal * Ausstieg in Richtung Wahnsinn…

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Man blickt mit müden Augen an den grauen Himmel, die Luft riecht irgendwie anders, gehaltvoller und tatsächlich, man gerät in Szenerien, die einem wie ein seltsamer Wachtraum vorkommen – die Bedeutung verschlüsselt unter doppelten und dreifachen Böden, ein Spiegel im Spiegel…
Ich laufe also über die Gleise, die kleine Rampe zum Bahnsteig hinauf. Parallel zu mir, weiter ein Skinhead, der sich mit lockerem Schwung auf den Boden im Wartehäuschen, gegen das Plexiglas schmeißt. Stämmig, kompakter Kerl mit Quadratschädel, wachen Augen und weißen Schnürsenkeln. Ich, müde, Bilderbuchbohnenstange, Milchreispilot übe mich in feiger Zurückhaltung, demonstriere geheuchelte Gelassenheit durch eine schief gewickelte Zigarette. Schon war der Kerl wieder weg, wurde ersetzt durch ein Mitt-Vierziger-Mütterlein mit verrissener Hose, rosa Haarband, Birkenstocklatschen und Schwielen an den schwarzen Füßen. Munter plappert sie darauf los: Wissen sie wo man nochmals schnell auf die Toilette kann? Früher war ich schon mal hier, als Kind, ja. Meine Füße sind sehr schwarz von den Autoabgasen. Was machen nur die ganzen Kinder in ihren Zeltlagern bei diesem Wetter, die Armen, die haben ja gar keine Lobby. Ja, wissen sie, ich dusche immer ganz kurz, um Wasser zu sparen, denn da drüben in der dritten Welt, da haben sie nicht mal was zu trinken….
Ohne Punkt und Komma redet sie weiter, ich werde müder. Mein Blick schweift nach links, ein weiterer Gast betritt den Bahnhof. Zeitung unter´m Arm zuckelt er staksig Richtung Wartehäuschen. Wie um die magische Drei, die scheinbar guten Dinge zu erfüllen, macht er in aller Seeln Ruhe seine Hose auf, lässt diese bis zu den Knien hinunterrutschen, und zupft seine knappe Unterhose zurecht. Mit einer schier unglaublichen Lässigkeit zieht er seine Hose wieder hoch, macht sich´s gemütlich auf der Bank, schlägt seine Zeitung auf, studiert diese, ohne zu bemerken, wie mein Hirn mit einem übersättigten Seufzer platzt und sich auf die Klamotte des Öko-Mütterchens verteilt, welche dies mit einem „Ja, früher sah´s hier anders aus“ quttiert…
Ich zwicke mich in den linken Arm, meine Pupillen nehmen wieder Normalmaße an, mein Mund schließt sich wieder… Flucht nach innen. Kopfhörer schnell aus der Tasche gekramt, Play:

Kolossale Jugend – Leopard 2

Wow, frühe Hamburger Schule, erschienen 1990 auf L`age D`or. Hier standen nicht nur die Young Marble Giants mit „Colossal Youth“ Pate sondern auch eindeutig The Fall und andere Bands des postpunkigen Mètiers. Wenn man sich an das dissonante Gitarrenspiel, welches auch Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs bis zur Perfektion getrieben haben und die rotznäßige Stimme des Sängers gewöhnt hat macht dieses Album sehr viel Spaß, u.A auch durch undurchdringliche Texte.

The Bambi Molesters – As the dark wave swells

Die vier Leutchen aus Kroatien gibt´s als Band wohl schon ne ganze Weile, aber erst „As the dark wave swells“ hat wohl richtig hohe Wellen geschlagen, ha ha…
Astreiner, enspannter Surf, genau das Richtige um von einer durchzechten Nacht heimzufahren und seine Mitfahrer in sanfte Schlummreien musikalisch zu begleiten oder zum wehrlosen bekifften Rumhängen. Zart, melancholische Momente wechseln sich ab mit wüstem Verzerrgewitter. Ab und an, wenn die Bläser einsetzen und für den Nötigen TexMexTouch sorgen fühlt man sich an die besseren Zeiten von Calexico erinnert. Toll.

Hawkwind – s/t

Gefühlte achttausend Platten haben diese Space-Rock-Urgesteine aufgenommen -mit ständig wechselnder Besetzung. Schon lange war ich auf der Sache nach frühen Sachen von ihnen und wurde endlich fündig… In Händen halte ich ihr Erstlingswerk von 1970: Vetrackt und sehr psychedelisch, hat mit ihren späteren Werken kaum mehr viel gemein.

The Jesus and Mary Chain – Automatic

Jetzt weiß ich endlich woher die Sänger von den Raveonettes und Lost Rivers ihre Frisuren herhaben, natürlich von den Shoegaze-papas: The Jesus and Mary Chain.
Was soll man sagen? Feedback ohne Ende, klarer 80er Schlagzeugsound, tolle Stimme, schon irre!!

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1 Antwort auf „Nächster Halt * (J)ammertal * Ausstieg in Richtung Wahnsinn…“


  1. 1 Pöff 16. August 2010 um 15:37 Uhr

    manmanman, ich lese dich so gerne!

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