zu gast bei johnny zweifel

sie lesen: Mittelmäßiger Vortrag mit unterirdischer Kritik . von lucius teidelbaum.

Am 2. Dezember 2010 gab es einen Vortrag des Autoren Dr. Tilman Tarach zum Thema „Feindbild Israel. Der ewige Sündenbock“ der von der „Initiative gegen Antisemitismus und Antizionismus“ (Tübingen) und der Gruppe „Emanzipation und Frieden“ (Stuttgart) veranstaltet wurde.

Die „Marxistische Aktion Tübingen“ (MAT) war auch da und kritisiert auf ihrer Homepage den Vortrag in einen Text von fünf Seiten. Sie nimmt in ihrer Überschrift „Wer ist “verlogen”? Die deutsche Linke oder die Neocons im linken Gewand?“1 das Ergebnis ihrer Einschätzung schon vorweg.
Es folgt ein Satz, der anfängt mit den Worten „Tilman Tarach, im wissenschaftlichen Kontext bislang weitgehend unbekannt“. Dieser Satzteil steht sicher nicht zufällig am Anfang des Textes. So wird suggeriert Tarach sei eine Art halber Scharlatan, da er bisher anscheinend über kein Renomee verfügt. So what? Für klassenkämpferische Marx-Anhänger_innen ist schwingt hier ein erstaunliches akademisches Dünkel mit.
Gleich im nächsten Satz wird das Ergebnis des Berichtes erneut vorweg genommen, indem Tarach als „Hassprediger“ und „Unwissenschaftler“ bezeichnet wird. Was ein Unwissenschaftler ist, wird leider nicht ausgeführt. Kein_e Wissenschaftler_in dieser Welt ist unfehlbar, wenn Tarach Fehler gemacht hat (hat er sicher), dann gilt es diese aufzuzeigen. „Unwissenschaftlich“ kann aber eigentlich nur eine Vorgehensweise sein, z.B. wenn Zitate bewusst verkürzt werden oder keine Quellen verwendet wurden.

Zur Behauptung es gäbe keine „Weltverschwörung gegen das Judentum“

Die MAT klagt, dass Tarach eine „Weltverschwörung gegen das Judentum“ halluziniere
„an der fast alle beteiligt sind: Die UNO, die Muslime, die „deutsche Linke“, die Nazis, linke Juden wie Ilan Pappe und Noam Chomsky – dem „Hohepriester der Israelhasser“ – sowie Amnesty International.“

Nun, bis auf Amnesty International, dass sich in letzter Zeit erfreulich kritisch gegenüber Menschenrechtsverletzungen im Gaza-Streifen durch die HAMAS äußerte, existiert tatsächlich eine „Weltverschwörung gegen das Judentum“ (Antisemitismus) bzw. richtiger eine „Weltverschwörung gegen den Judenstaat“ (antisemitischer Antizionismus) unter Teilen der Genannten.

Die UNO bzw. Teile der UNO sind tatsächlich auf strikten Anti-Israel-Kurs. Erinnert sei u.a. an die UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban 2003, die ein Podium von Antisemiten und Antizionisten waren.
Am 10. November 1975 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine Resolution, in der Zionismus zu einer Spielform des Rassismus erklärt wird („… der Zionismus ist eine Form des Rassismus und der rassischen Diskriminierung“). Die Resolution wird 1991 formal aufgehoben.
Während der Zeit 1963 bis 2003 waren fast 30% der Resolutionen, die die UN-Menschenrechtskommissionen zur Verurteilung einzelner Staaten verabschiedete, gegen Israel gerichtet.
Israel war bis 2004 das einzige Land, das in der UN-Bürokratie sein eigenes ständiges zwischenstaatliches Überwachungsorgan hat: den „Sonderausschuss zur Untersuchung israelischer Praktiken, die die Menschenrechte des palästinensischen Volkes und anderer Araber der besetzten Gebiete beeinträchtigt“ (1968 ins Leben gerufen).
Wenn man dann noch weiß, dass die Verurteilungen Israels durch eine Menschenrechtskommission geschieht, der so illustre Mitglieder wie Syrien oder Lybien angehören, weiß man wo die Dämonisierung Israels und die doppelten Standarts gegenüber Israel in der UN ihre Wurzeln haben.
Die Fraktion der arabischen Länder innerhalb der UN hat meines Wissens bis heute erfolgreich eine Verurteilung des islamistischen Regimes im Sudan wegen der Massaker in Darfur verhindert, aber auf Israel wird von dieser Ansammlung autokratischer Regime hemmungslos eingedroschen.
Die UNO war auch immer wieder ein Podium für radikal-antisemitische Äußerungen. Das jüngste Beispiel ist wohl die Rede Ahmadinedschads in Genf.
Aber solche Äußerungen haben Tradition, hier ein paar Beispiele:
„Es ist höchste Zeit für die Vereinten Nationen und vor allem die Vereinigten Staaten zu erkennen, dass die jüdischen Zionisten Amerika vernichten wollen. Schauen Sie sich in New York mal um. Wer sind die Betreiber pornographischer Kinos und Vorstellungen? Sind es nicht die Juden, die das amerikanische Volk ausbeuten und erniedrigen? Wenn es uns gelingt dieses Gebilde zu eliminieren, werden wir damit die amerikanischen und europäischen Völker retten.“
(der libysche Botschafter vor einer UN-Vollversammlung 1983)
„Das zionistische Gebilde muß wie ein Krebstumor entfernt werden.“
(iranischer UN-Delegierter, 1983)
„Haben wir es in der Welt mit einer allmächtigen Rasse auf der einen Seite und unterwürfigen Wesen auf der anderen Seite zu tun, die nur geboren wurden, um den Zielen dieser Herrenrasse zu dienen? Wir, die Nichtjuden, zählen mehrere Milliarden Menschen, aber was bedeutet das schon in den Plänen jener, welche die Macht haben.“
(UN-Vertreter Jordaniens)
„Was haben Hitler und Nebukadnezar gemeinsam? Tausende von Jahren liegen zwischen ihnen, sie kommen aus dem gleichen Land und gehören verschiedenen Rassen an. Warum hat Nebudkadnezar die Juden verjagt? Und warum hat Hitler versucht, sie zu vernichten? Warum? Weil sie sich das ‚auserwählte Volk‘ nennen und weil sie behaupten, dass sie von Gott unter allen Völkern auserwählt wurden. Ich habe diese Angelegenheit mit wissenschaftlicher Sorgfalt studiert. Was die Juden immer wieder in Bedrängnis gebracht hat, von den Tagen der Antike bis heute, das ist ihr Glaube.“
(Vertreter Saudi-Arabiens auf dem UN-Symposiums zur „Ermutigung von Verständnis, Toleranz und Respekt in Angelegenheiten von Religion und Glauben“ in Genf, 1984)

Natürlich sind nicht „die Muslime“ als konstruierter Einheitsblock an der „Weltverschwörung gegen den Judenstaat“ beteiligt, aber viele und vor allem einflussreiche Muslime. Sowohl der politische Islam (Islamismus) ist fast immer antisemitisch/antizionistisch, aber auch säkulare Regime mehrheitlich muslimischer Staaten bedienen sich gern im antisemitischen Giftschrank.
Wenn …
… fast täglich antisemitische Karikaturen in Stürmer-Ästhetik in der arabischsprachigen und persischsprachigen Presse erscheinen.
… problemlos und teilweise mit staatlicher Unterstützung im Libanon, Ägypten und im Iran antisemitische TV-Serien erscheinen, in denen u.a. die uralte Mär vom jüdischen Ritualmord aufgewärmt wird.
… der syrische Verteidigungsminister, Mustafa Talas, 1986 ein Buch mit dem Titel “The Matzah of Zion”, in welchem er ernsthaft behauptet, dass Juden dass Blut eines christlichen Mönchs verwenden um Matze zu backen, veröffentlichen kann.
… der Irak unter Saddam Hussein im zweiten Golfkrieg 1990/91 den Nicht-Kriegs-Akteur Israel mit Raketen beschießt.
… auf den Nachttischen saudi-arabischer Hotels häufig eine Ausgabe der „Protokolle der Weisen von Zion“ liegt.
… der US-Nazi David Duke im Jahr 2005 in Damaskus im November 2005 wie ein Staatsgast empfangen wird.
Dann scheint es doch als wäre im mehrheitlich arabischsprachigen und überwiegend muslimischen Nahen Osten der Antisemitismus in der öffentlichen Sphäre nicht tabuisiert (anders als z.B. in West- und Mitteleuropa), sondern virulent und staatlich gefördert. Es gibt auch viele Nicht-Antisemit_innen im arabischsprachigen Raum, aber Antisemitismus scheint eine akzeptierte Meinung darzustellen und eine konsequente Gegenstimme ist kaum zu vernehmen.
Was freilich nicht heißt dass Antisemitismus an den hiesigen Stammtischen nicht munter weiterlebt. Hier ist der Fall Hohmann ein gutes Beispiel. Der ehemalige CDU-Abgeordnete Martin Hohmann konnte am 3. Oktober 2003 problemlos und unkritisiert vor einem mehrhundertköpfigen Publikum eine von antisemitischen Klischees durchsetzte Rede halten, denn sein Publikum war wie ein vergrösserter Stammtisch. Als Hohmanns Rede aber in der öffentlichen Sphäre zirkulierte, hagelte es Kritik und die Union ließ ihn schnell fallen. Was an den Stammtischen geht, geht in der Öffentlichkeit meist nicht, weil hier Antisemitismus bis auf seine antizionistische Variante mit einem Tabu belegt ist.

Auch wenn die MAT den Antisemitismus unter Palästinenser_innen kleinzureden versucht, so ist er doch ein fester und einflußreicher Konfliktbestandteil.
Findet man fünf antisemitische Palästinenser_innen, kann man den Eindruck eines kleinen, bedrängten Staates erwecken, der von judenfeindlichen Horden, die nichts lieber wollen, als den Holocaust zu Ende zu führen, umgeben ist und sich deshalb gewaltsam gegen diese zur Wehr setzen muss.“
Wenn die zweitstärkste (gewählte!) politische Vertretung der Palästinenser_innen, die HAMAS, ausgiebig aus dem antisemitischen Falsifikat der „Protokolle der Weisen von Zion“ zitiert oder in den HAMAS-Medien beständig antisemitische Hetze erscheint. Wenn im PLO-Lager Bir Hassan bei Beirut aus die PLO die Ausbildung der Wehrsportgruppe Hoffmann/Ausland ebenso wie die von Mitgliedern der „American National Socialist Party“, der „Third Position“ oder der „National Front“ (Großbritannien) vornimmt, dann ist dieses Bündnis kein Zufall gewesen. Basis war der gemeinsame Antisemitismus. Es handelt sich beim Antisemitismus unter Palästinenser_innen also offensichtlich nicht um ein vereinzeltes Phänomen, auch wenn Umfragen zu dem Thema bisher fehlen.
Das antisemitischer Antizionismus in dem Konflikt eine große Rolle spielt, spiegelt sich auch in der Unterstützungs- und Sympathisanten-Seite. Parallel zu dem Einmarsch Israels in den Libanon 2006 oder mit dem Gaza-Krieg 2009 kam es weltweit zu großen Demonstrationen. Diese waren fast nie einfach nur Friedensdemos, sondern häufig einfach antiisraelische Demos. Auf vielen von ihnen konnten HAMAS- und Hisbollah-Sympathisant_innen ungestört „Juden raus aus Palästina“ und ähnlich Antisemitisches skandieren. Erschreckend war dabei immer die Toleranz mitdemonstrierender Linker gegenüber solchen Hass-Ausbrüchen.
Selbst in Tübingen kommt es am 10.01.2009 zu seltsamen Szenen auf einer Kundgebung mit Demonstration in Folge des Gaza-Krieges. Mehrere Teilnehmer_innen schreien auf der „Friedens“demo „Alluha Akbar“. Das wird von den anwesenden säkularen Linken hingenommen, im Anschluss rennt bei der Mini-Demo auch ein Mann mit der ein Plakat mit dem holocaustrelativierenden Spruch „Sagt Nein zu einem Holocaust im Gaza“ mit (Siehe BILD).
Parallel zu dem Libanon-Krieg 2006 wurden auch von Venezuela bis Polen dutzende Synagogen und andere jüdische Gebäude beschmiert, geschändet und verwüstet. Die zurückgelassenen Schmierereien nahmen jedes Mal Bezug auf Israel.
Während Hardcore-Antideutsche den Konflikt zu einem vollständig ideologischen machen, bestehen Antiimps auf einer vollkommen materialistischen Analyse. Natürlich hat der Konflikt auch materielle Ursachen, aber die ideologischen Ursachen, also vor allem den antisemitischen Antizionismus, zu ignorieren oder kleinzureden ist mehr als fahrlässig und wird eine Konfliktanalyse immer ungenügend machen. Wer die Rolle des Antisemitismus in diesem Konflikt ignoriert, der ist auf einem Auge blind.

Die „deutsche Linke“, damit sind natürlich nur Teile der Linken gemeint. Hat die MAT irgendwie geschlafen? Was genau hat sich den in Hamburg beispielsweise am 25. Oktober 2009 ereignet? Da wurde die Vorführung des Films „Warum Israel“ aus dem Jahr 1972 von Claude Lanzmann mit Gewalt verhindert. Lanzmann bemerkte dazu, dass es die erste Aktion dieser Art war, die sich gegen seinen Film richtete.
Von der gelegten Bombe im jüdischen Gemeindehaus von Berlin 1969 über die Selektion in Entebbe bis nach Hamburg zieht sich ein roter Faden von praktizierten Antisemitismus in der deutschen Linken. Man muss aber nicht nur die gewalttätigen Aktionen als Beispiel nehmen. Es genügt sich mal ein paar Artikel von Werner Pirker in der „Jungen Welt“ anzuschauen, in der jede Menge antisemitischer und antizionistischer Klischees wiedergekäut werden.

Auch der linke Intellektuelle Noam Chomsky ist durchaus an der „Weltverschwörung gegen den Judenstaat“ beteiligt. Die Personen, die Chomsky so gerne zitieren und rezipieren, ignorieren komplett seinen ekeligen Freundeskreis und Chomskys antiisraelische Aktivitäten. Chomsky unterstützte Norman Finkelstein, der trotz seines Selbstverständnis als linker amerikanischer Jude ein übler Holocaustrelativierer ist. Die Narzisse, Holocaustleugnerin und Zündel-Lebenspartnerin Imgrid Rimland bezeichnete Finkelstein zu Recht als „jüdischer David Irving“. Die Erwähnung von Chomsky in der Danksagung von Finkelsteins Machwerk „Die Holocaust-Industrie“ hat er sich sicher gut verdient. Schrieb Chomsky doch bereits für ein Buch des französischen Holocaustleugners Faurisson 1980 das Vorwort.
Chomsky ist nicht der kritische Intellektuelle, der vom Rand zuschaut, Chomsky ist Partei. Dass sollten seine Fans einmal wahrheitsgemäß eingestehen und anerkennen. Wer öffentlich Scheich Nassrallah, den Chef der islamistischen und klerikalfaschistischen Hisbollah, umarmt und als Unterzeichner in einem offenen Briefes während des jüngsten Libanon-Krieges 2006 dem „Widerstand“ im Libanon und Palästina (gemeint waren Hisbollah und HAMAS) „Solidarität und Unterstützung“ offerierte, der ist einfach nur ein Israelfeind und ganz sicher kein Friedensfreund.

Zu Illan Pape soll nur kurz aus dem Bericht „Eis auch in Deutschland gebrochen“ von dem bekannten Radikalantizionisten Willi Langthaler über die Stuttgarter Palästina-Solidaritäts-Konferenz zitiert werden2, dass klar wird, wie der Mann so drauf ist:
„Starredner Ilan Pappe, in England lehrender israelischer Historiker, gab in beeindruckender Weise die Linie vor. Ein jüdischer Staat könne nur kolonial sein und die Palästinenser entrechten. Es könne keinen fortschrittlichen Zionismus geben. Im Gegenteil, Pappe verglich den Zionismus mit einem Virus, den man gänzlich besiegen müsse.“

Man kann zusammenfassen: Die „Verschwörung gegen den Judenstaat“ ist Realität und in dieser Hinsicht hat Tarach Recht!

Vorwurf: Die Fixierung von Linken auf den Nahost-Konflikt sei unwahr

„Die Konflikte um Kurdistan und die Westsahara spielten, wie Tarach mit Nachdruck unterstellte, für die hiesige Öffentlichkeit trotz ihrer Brutalität überhaupt keine Rolle, wohingegen Kritik an Israel allgegenwärtig sei. Auch werde von „Palästinenserfreunden“ (für Tarach und Konsorten auch synonym: „Israelhasser“), wie Tarach das Spektrum der Solidarität mit den Palästinenser_innen abqualifizierte, systematisch übergangen, dass arabische Staaten wie der Libanon oder Saudi Arabien die Palästinenser_innen (im Gegensatz zu Israel, versteht sich) tatsächlich diskriminieren und ihnen die Staatsangehörigkeit aberkennen.“
Doch die MAT konstatiert:
„Dass der Konflikt um Palästina sich stärkerer Aufmerksamkeit der europäischen Linken erfreut als gleich schwerwiegende oder schlimmere Konflikte in anderen Teilen der Welt, lässt sich durch vieles erklären, aber sicher nicht durch einen latenten Antisemitismus der Linken.“

Sicherlich ist das antizionistische und antisemitische Ressentiment nicht der einzige Faktor, warum sich Linke und Friedensaktivist_innen derart intensiv mit dem Nahost-Konflikt auseinander setzen. Aber es hat durchaus verstärkenden Charakter. Anderswo sind andere Ressentiments das verstärkende Element, besonders der Antiamerikanismus ist hier zu nennen. Man vergleiche mal die Proteste gegen den Kosovo-Krieg mit denen gegen den Irak-Krieg. Letztere waren viel massiver, weltweit, aber eben auch in Deutschland. Beides waren „normale“ Kriege, doch bei dem einem Krieg waren die USA ein Akteur und Deutschland nicht, bei dem anderen war auch das eigene Land als Akteur involviert. Der Protest gegen den 1999 von Rot-Grün mit geführten „humanitären Angriffskrieg“ gegen (Rest-)Jugoslawien fiel erkennbar sehr viel geringer aus und etwas mehr als zehn Jahre danach wirft niemand mehr Grünen oder der SPD die Bombardierung Belgrads vor, während man im Falle der USA immer eine Liste aller militärischen Aktionen seit 1945 parat hat. Es braucht also scheinbar bei vielen ein verstärkendes Element um viele Menschen gegen Kriege zu mobilisieren, Krieg allein bzw. das massenhafte Leiden von Menschen reicht nicht aus.
Im Fall des Israel-/Palästina-Konfliktes ist ganz offensichtlich der Antizionismus das verstärkende Element. Vielen ist gar nicht bewusst, dass der Israel-/Palästina-Konflikt bei weitem nicht der opferreichste der Region ist.
Von etwa 11 Millionen Muslimen, die seit 1948 Opfer von Gewalt wurden, kamen weniger als
50.000 im Krieg gegen Israel um. Gerade eines von 200 muslimischen Opfern verlor also im
Konflikt gegen Israel das Leben. Die ganz große Mehrheit der Umgebrachten wurde von anderen
Muslimen getötet. So fordern etwa die Bürgerkriege in Libanon (150.000 Tote), Algerien (200.000
Tote) und Jemen (130.000 Tote) ein Mehrfaches der Opfer des Israel-/Palästina-Konflikts.
Der Konflikt, gemessen an der Zahl der Opfer, an 46. Stelle der Konflikte seit 1945 weltweit.

„Ideologen wie Tarach lassen selbstverständlich auch unerwähnt, dass z.B. die Proteste gegen den Kosovokrieg, den Afghanistankrieg oder den Bundeswehreinsatz vor der somalischen Küste naturgemäß deutlich massiver ausfielen als die gegen die brutale Beendigung des srilankischen Bürgerkrieges oder den Krieg zwischen Russland und Georgien.“
Nicht in allen Fällen spielt das antizionistische und antisemitische Ressentiment die tragende Rolle für eine Fixierung auf einen Konflikt. In anderen Fällen ist auch der Antiamerikanismus das verstärkende Element. Wieder in anderen Fällen geht es darum, dass Gruppen vor Ort sich als irgendwie links bezeichnen und für die machtlose Linke hierzulande eine Projektionsfläche eigener Wünsche und Träume darstellen (Kurdistan, Baskenland, Nordirland).
Deswegen interessier(t)en sich alle Linken für den Irak, Israel/Palästina, den Iran, Lateinamerika, Vietnam, Kurdistan, Baskenland, Nordirland, aber kaum jemand interessiert(e) sich für den Kongo, Dharfur, die Westsahara, Tschetschenien, Westpapua, Sri Lanka etc.
Seid doch einfach mal ehrlich und gebt zu, dass das Leiden von Menschen allein nicht das ausschlaggebende Kriterium für die Wahl eures Interesses und eure Aktivität ist. Es geht in euren Fixierungen auch um Projektionsfläche, um die Pflege eines Freund- und/oder Feindbildes.

Genau, dass wollte Tarach auch sagen wenn er kritisiert, dass Israel immer „mit zweierlei Maß“ gemessen wird. Dass Israel von MAT im Gegensatz zur Westsahara als „westliches Land“ eingestuft wird und eher in der Peripherie liegt, hilft da kaum weiter in der Analyse. Es erklärt nämlich erst einmal gar nichts. Tatsächlich stimmt, dass mehr kommunikative und verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Israel/Palästina und Deutschland bestehen, trotzdem erklärt das nur für eine Minderheit warum sich ihr Interesse auf den kleinen Mittelmeerstaat richtet. Und auch längst vor dem Aufkommen der bösen Antideutschen hat sich die Linke an dem Konflikt abgearbeitet.

Zu den „Heimatvertriebenenverbänden der Palästinenser“

„Schlechte Vergleiche sind offenbar Tarachs Spezialgebiet: Indem er die Gruppen der
„Palästinafreunde“ als „Heimatvertriebenenverbände der Palästinenser“ bezeichnet, setzt er sie mit einer geschichtsrevisionistischen, reaktionären Vereinigung gleich. Doch damit nicht genug: Auch die palästinensischen Flüchtlinge (denen Tarach freilich den Flüchtlingsstatus abspricht, auf den sie als Nachkommen der 1948 Vertriebenen seiner Meinung nach kein Anrecht haben) setzt er mit den deutschen Heimatvertriebenen gleich und vermisst eine seiner Meinung nach angebrachte Skandalisierung ihrer Forderungen: Wenn in Deutschland jemand Rückkehr in die ehemaligen Ostgebiete des Deutschen Reiches fordert, sei das ein Skandal. Bei den Palästinensern sei es ganz normal.“

Tarach zielt mit seiner Kritik vor allem auf die Einzigartigkeit des Flüchtlingsstatus-Erbrecht. Nur zwei bekannte Gruppen weltweit, bestehen darauf, dass der Flüchtlingsstatus über Generationen vererbbar ist. Dass sind die im „Bund der Vertriebenen“ organisierten so genannten „Heimatvertriebenen“ und das sind die palästinensischen „Flüchtlinge“. Es stellt sich die Frage, wie der Urenkel eines Flüchtlings aus einer Region geflüchtet sein kann, die er nie in seinem Leben gesehen hat. Trotz aller unterschiedlichen Ursachen von Flucht und Vertreibung ähneln sich in diesem Punkt „Heimatvertriebene“ und palästinensische „Flüchtlinge“. Zu den Ursachen ist anzumerken, dass Tarach durchaus Recht hat, wenn er erwähnt das fünf Staaten und die bewaffneten Formationen der Palästinenser_innen (gemeint sind nichtjüdische Einwohner_innen des damaligen britischen Mandatsgebietes) den Konflikt begannen, der 1948/49 Auslöser von Flucht und Vertreibung von 800.000 Palästinenser_innen wurde. Da auch Einheiten der Palästinenser_innen Teil des Konfliktes waren hat das durchaus auch mit ihnen zu tun. Rechtfertigen tut das allerdings nicht das Leid der Zivilbevölkerung.

Es handelt sich also um eine Polemik auf der Tatsache eines Sachverhaltes. Eine geplante NS-Verharmlosung ist eher unwahrscheinlich.
Wenn die MAT aber wirklich eine so penible Sprachkritik und -analyse betreibt, dann freuen wir uns auf die vielen kritischen Stellungsnahmen und Interventionen von ihr wenn in der deutschen Linken mal wieder George Bush mit Hitler oder die militärischen Handlungen Israels als „Vernichtungskrieg“ oder „Israels Endlösung der Palästinenserfrage“ bezeichnet werden.

Zum Vorwurf der Extremismustheorie

„Summa summarum wird von Tarach letztlich nahezu alles, was bürgerliche und rechtspopulistische Ideologie und Geschichtsverdrehung zu bieten haben, in einen Topf geworfen, großzügig mit zynischer Polemik und NS-Vokabular gewürzt und anschließend kräftig vermengt. Am Ende bietet dieses bunte Potpourri nicht zuletzt ein Lehrstück in Sachen angewandter Extremismustheorie. Das können CDU, FDP, Verfassungsschutz und Springer-Feuilleton kaum besser. Die Linken wollen demnach heute im Nahostkonflikt eigentlich das gleiche wie die Nazis in den 30er und 40er Jahren, die UN ist gewissermaßen der historisch verlängerte Arm der SS und überhaupt hat sich die ganze Welt, allen voran natürlich die „deutsche Linke“ (je mehr sich der Vortrag seinem Ende zuneigt, desto ratloser fragt man sich, wer das denn überhaupt sein soll), gegen die Jüdinnen und Juden und zur Vernichtung Israels verschworen.“

Die linke Verteidigung gegen die staatlich gelenkte Extremismustheorie legt doch vor allem Wert darauf, dass sich „Linksextreme“ und „Rechtsextreme“ in Inhalt und Ziel grundlegend unterscheiden. Wenn sich aber tatsächlich in bestimmten Bereichen einmal Inhalte und Ziel von Teilen der radikalen Linken und extremen Rechten in bestimmten Bereichen ähneln, dann kann und sollte man das ja konstatieren dürfen. Die MAT macht es ja auch, indem sie die die Veranstalter bereits im Titel als (rechten) „Neocon“ bezeichnet, übrigens ohne diesen Begriff je zu definieren und dann anhand konkreter Positionen der Veranstalter zu belegen. Insofern kann man dasselbe auch der MAT unterstellen.
Wenn tatsächlich aber der linke Antizionismus und der rechte Antisemitismus sich wie Zwillinge ähneln und beispielsweise dazu führen, dass Mitglieder der RAF und Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann im selben PLO-Lager ausgebildet werden, dann kann man solche Ähnlichkeiten ja nicht mit einem Extremismustheorie-Bilderverbot abtun. Wenn sich Artikel von Werner Pirker in der „Jungen Welt“ im Duktus lesen wie Artikel von dem „Nationalrevolutionär“ Jürgen Schwab sollte das schon zu Denken geben.

Fazit: Chance zur ernsthaften Kritik vertan

Schade eigentlich, die Chance zu ernsthafter Kritik hat die MAT vertan. Der Vortrag war insgesamt nämlich eher mittelmäßig und hatte durchaus Punkte, die Anlass zu Kritik und Nachfragen boten. Die MAT war aber ganz offensichtlich nicht gekommen, um sich ergebnisoffen den Vortrag anzuhören und dann die Inhalte zu beurteilen. Der Konkret-Autor Tarach stand für die MAT schon vorher als „Rassist“ und „Neocon“ fest, nun galt es nur noch die Beweise dafür zu finden. Dem Wahn von den „antideutschen Neocons“ (das Wort ist schon ein Widerspruch in sich, entweder „antideutsch“ oder „Neocon“; kein Konservativer der Welt ist gegen sein Heimatland, auch die echten Neocons in den USA nicht) musste getreulich gefolgt werden. Also suchte man bereits vorher in Tarachs Buch nach rassistischen Passagen. Das härteste Fundstück war der Satz: „Die Palästinenser suhlen sich im Mitleid.“ Die Logik war offenbar, dass „suhlen“ ein Verb für Schweine sei und nun auf Menschen bzw. auf muslimische Menschen, bei denen das Schwein ja ein unreines Tier ist, angewendet werde. Dass sei ja dann übel rassistisch, so der Vorwurf der MAT. Wäre es auch, wenn das so stimmen würde. Dieses Beispiel wurde dann auch in der Diskussion im Anschluss an den Vortrag angeführt. „Sich in Mitleid suhlen“ ist nun aber eine feststehende Begrifflichkeit, die durchaus auch in der Menschenwelt Anwendung findet (der Autor dieser Zeilen hat sie beispielsweise schon gegen seine Schwester eingesetzt). Damit war die ganze Argumentation ad absurdum geführt.
Eine echte Kritik wurde verfehlt, man hätte nämlich durchaus anmerken können, dass solche Sätze recht mitleidslos und kalt daherkommen. Da hätte man Tarach mal fragen können, wie er das denn genau gemeint habe. Oder wie er die Bewerbung seines Buches durch seinen Verlag bei dem Hetzportal PI-News findet. Oder warum er solche beschissenen Formulierungen wie „demografischer Jihad“ verwendet und was das denn genau sein soll.
Stattdessen donnert die MAT gleich drauf los und blamiert sich. Aber das war nicht einfach ein Versehen. Nein, es ist typisch dafür, wenn man nach Beweisen für etwas sucht, dass man schon zu wissen glaubt. Da werden die „Beweise“ dann eben angepasst. Es gibt für beim als „antideutsch“ markierten Feind auch keinen Irrtum mehr, keine Fehler und nicht das zu kritisierende aber korrigierbare Verrennen in Klischees. Jeder Satz, der getan wurde, wird auf die bösartigste Art und Weise ausgelegt und ist Indiz für ein festes rassistisches Weltbild.

„Nachdem sich ein Palästinenser aus dem Publikum lautstark über die Verzerrungen und Fälschungen des Referenten erbost hatte, bedauerte Tarach, als nächstes „schon wieder einen Kollegen“ auf der Redeliste zu haben – dass es sich um einen „Kollegen“ handelte, entnahm Tarach offenbar dem südländischen Aussehen des nächsten Diskussionsteilnehmers.“
Wenn der Referent in der Diskussion beklagt, dass er jetzt wieder einen „Kollegen“ von jemanden dran nehmen müsse, dann ist die Tarach unterstellte Gemeinsamkeit der beiden Diskutanten, dass er sie rassistischer Weise in ein Kollektiv (nämlich das der Palästinenser_innen) einordnet. Tarach könnte ja auch nichts anderes gemeint haben, z.B. das beide sich als Schreihälse hervorgetan haben.
Wenn Tarach empfiehlt die palästinensischen „Flüchtlinge“ (wohlgemerkt nicht die arabischen Israelis!) „sollen doch einfach in Kairo oder Tripoli leben, statt in Israel“, dann wird Tarach unterstellt, er sei ein „Wächter der ethnischen Reinheit Israels“. Dabei setzt er sich einfach dafür ein, dass diese Gruppe dort leben kann, wo sie geboren und aufgewachsen ist – als gleichberechtigte Staatsbürger, statt damit zu liebäugeln bzw. von den eigenen Führern damit vertröstet zu werden, dass man irgendwann ins Land der Vorfahren „zurück“kehren könne.
Wenn Tarach von den „den angeblichen Palästinenserfreunden“ spricht, dann hört man lieber nur „Palästinenserfreunde“ und unterstellt ihm das als Schimpfwort zu verwenden.

Die „Marxistische Aktion Tübingen“ lügt nicht, wenn sie Tarach als „Hassprediger“, „Rassisten“ und „Neocon“ bezeichnet. Lüge bräuchte ein Bewusstsein der Falschheit. Aber Recht hat die MAT trotzdem nicht. Sie ist dem Wahn von den „rassistischen Antideutschen“ erlegen, der sie genau dieses Klischee überall entdecken lässt, auch wenn es gar nicht da ist.
Schade, solchen Leuten hört man nicht mehr zu, selbst wenn die Kritik tatsächlich einmal stimmen sollte.

1 http://www.marxistische-aktion.de/?page_id=235
2 Willi Langthaler: Eis auch in Deutschland gebrochen. Erste große Konferenz für einen gemeinsamen demokratischen Staat in Palästina, 1. Dezember 2010, http://www.antiimperialista.org/de/node/6692

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