Der Pisspage…

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1.Zugegeben, es gab nur drei Gründe, warum ich mir ausgerechnet Deutschland ausgesucht habe. Erstens lag es einfach in der Nähe, zweitens bekam ich, obwohl ich mal wirklich im polnischen Outback aufgewachsen bin, die Chance auf eine recht gute Schulbildung und kam damit in den „Genuss“ mehr schlecht als recht Deutsch zu lernen. Und der dritte Grund war schlicht und einfach die Kohle, die mir winkte.
Also bewarb ich mich um eine Stelle als Pfleger bei einer älteren Dame in einem abgeschiedenen Teil Ostberlins. Der Kontakt kam sehr einfach zustande und bald schon bekam ich von ihren Angehörigen eine Art Steckbrief inkl. Krankheitsverlauf und Passbild zugeschickt. Ja, die Dame machte einen äußerst gesetzten und gemütlichen Eindruck…
Schnell war klar, ich würde die Stelle annehmen, zumal sie in Berlin war, wo das Leben angeblich wie die sprichwörtliche Pralinenschachtel sein soll. Wie sich jedoch herausstellen sollte, sah ich so gut wie nichts von dieser Stadt.

2. Die Reise verlief ohne weitere Probleme und kürzer als erwartet. Tatsächlich wurde ich am Bahnsteig in Berlin von ihren zwei Kindern filmreif mit einem großen Plakat, auf dem mein Name prangte, erwartet.
Diese stellten sich als jung, dynamisch und mit beiden Beinen im Geschäftsleben verankert, heraus.
Noch während der Fahrt in ihrem, mit allen Finessen ausgestatteten Landrover, bekam ich sowohl mündlich als auch schriftlich die Instruktionen und No-Gos für das nächste Jahr.
Alles verlief unbürokratisch, sehr schnell und noch schneller waren die Kinder auch wieder unterwegs zu wichtigen Terminen, nachdem ich der Dame vorgestellt wurde.

3. Da saß ich nun, im Kerzenschein, gegenüber der alten Frau mit hoher, kratzig-fiepsender Stimme:
„So sie sind also aus Polen?“ „Ja, das bin ich.“ „Wie gefällt es ihnen hier?“ „Sehr gut, danke!“ „Mein Schnuppelchen war damals auch in Polen. Gefroren ham se wie die Schweine in ihren Gräben!“ „Das waren noch andere Zeiten, ja“, fuhr sie fort. Dann trat eine beunruhigende Stille ein und sie mußterte mich mißtrauisch mit einem Auge, bevor sowohl dieses, als auch das andere zufielen und sie schnarchend in ihren Fernsehsessel sackte. Ich beschloss, sie erst mal liegen zu lassen, das leise vor sich hinrieselnde Radio abzustellen und sie mit ihrer Tagesdecke zuzudecken.

4. Ich machte mich daran, mein Zimmer einzurichten, welches direkt neben ihrem ihrem lag, damit ich immer hören konnte, was vor sich ging. Ich war gerade dabei, mein Bücher einzusortieren, als ich einen gellenden Ruf wahrnahm, der kurz danach auch wiederholt wurde. Es kristallisierte sich heraus, dass es folgender Satz war:
„iiich muss auf´s Klooo!“. Schnell ging ich zurück in´s Wohnzimmer und wurde sowohl von dem mißtrauischen Auge, als auch von dem Ruf nochmal begrüßt.
Unter lautem Knacken ihrer schweren Glieder wuchtete ich die Dame auf die Beine und begleitete sie auf´s Klo.
Dieser eine Satz, schrill vorgetragen, sollte auch das Zentrum darstellen, um was sich alles, einschließlich mir, das nächste halbe Jahr drehen sollte.

5. Berlin bestand für mich aus den 100 Quadratmetern Wohnung, die ich mir mit der Dame teilte, aus dem Edeka, an der Ecke und der Metzgerei gegenüber, wo ich bestimmt im Laufe der Zeit „iiich muss auf´s Klooo!“ so an die 500kg Blutwurst eingekauft habe.
Nach ein paar Monaten erfuhr ich ein wenig mehr über die alte Frau und ihr „Schnuppelchen“. Wie schon erwähnt, nannte sie so ihren verstorbenen Ehemann, der, wie sich herausstellte, Obersturmbannführer der SS war. Anscheinend wurde er „iiich muss auf´s Klooo!“ auf offener Straße von Widerstandskämpfern in eine Hinterhalt gelockt und erschossen. Ja, ihr Schnuppelchen, dieser „Held“, war ihr ein und alles.

6. Bereits nach dem zweiten Monat mit der Dame ging mir der Lesestoff zur Neige und mein einziger Kontakt zur Außenwelt bestand aus einem Radio, bei dem es mir nur möglich war einen Sender mit volkstümlicher Musik und noch volkstümlicheren Themen zu empfangen. Das andere Fenster zur Welt bestand aus „iiich muss auf´s Klooo!“ dem Fernseher, über den die Alte mit Argusaugen wachte.
Um Strom zu sparen, schaute sie am Tag gerade mal 45 min fern. Das tägliche TV-Ritual bestand darin, eine Soap zur Hälfte anzuschauen, einzuschlafen und pünktlich zum Wetterbericht wieder aufzuwachen, nicht aber um ihn anzuschauen, nein, sie musste auf´s Klooo. Jeden Tag, pünktlich zur selben Zeit, während des Wetterberichts war es Zeit für ihr großes Geschäft, welches unter lautem Stöhnen und Ächzen der Alten für wenige Sekunden das Licht der Welt erblickte, bevor es unter Getöse in die Niederungen der Kanalisation zu Seinesgleichen verschwinden musste.

7. An jenem Tag verlief eigentlich alles wie immer: Pünktlich um 8 weckte ich die Alte „iiich muss auf´s Klooo!“, brachte ihr das Frühstück an´s Bett und führte sie anschließend „iiich muss auf´s Klooo!“ in´s Bad, wo sie sich wusch. Danach vertiefte sie sich in ihre Strickarbeit bis zum Mittagessen und legte sich „iiich muss auf´s Klooo!“
bis 3 in ihren Sessel. Nach dem Mittagschlaf widmete sie sich ausgiebig ihren Klatschmagazinen. Dies dauerte bis zum AE: Schwarzwurst, Butterbrot und „iiich muss auf´s Klooo!“. Ihr Auge blitzte noch mißtrauischer als sonst, musterte mich von oben nach unten, von außen nach innen, machte erschreckt kehrt, als es gegen verschlossene Türen krachte.
Es war Zeit für ihre tägliche Soap und ihr zweites rituelles Nickerchen. Halb saß, halb lag sie in ihrem verstellbaren Sessel, das Gesicht aufgedunsen, wie das einer Wasserleiche und ihre wuchtigen Brüste hingen schlaff and den Seiten ihres Bauches herab, bedeckten jeweils zur Hälfte die Lehnen ihres Sessels. Sie schnarchte laut, genüsslich und überfressen.
Ich beugte mich über sie. Ein Geruch von Urin, verwesenden Mageninnereien und Kölnisch Wasser bohrte sich scharf in meine Nase. Ich legte meine Hände um ihren Hals, spürte ihren Puls, ertastete einen Lymphknoten. Als ich langsam begann zuzudrücken, wachte sie auf, schaute mich panisch mit dem sonst mißtrauischen Auge an. Ihre Arme und Beine ruderten wild in der Luft, wie die Extremitäten einer außer Kontrolle geratenen Marionette. Ich drückte fester zu, meine Ballen auf ihrem Kehlkopf, welcher schließlich unter dumpfem Knacken nachgab und ihr in den Hals schoss. Speichel rann ihr aus dem offenen Mund, tropfte vom Kinn herab. Unmenschliches Gurgeln enströmte ihrer Kehle, das verzweifelte Schnappen nach Luft. Ihre Hand bekam meinen Arm zu fassen, ich drückte noch fester zu. Der Speichel vermischte sich mir ihrem Blut, warf am Mundwinkel Bläschen, bedeckte meine Hände und ihre Bluse. Es war zu Ende.
Ich sackte auf den Boden, durch ihn hindurch, fiel in die gähnende Leere. Dunkelheit umgab mich, drehte sich in Spiralen um mich. Stimmen waren zu vernehmen, kamen näher, bekamen Gesichter, die meiner Eltern, Großeltern, Ahnen, ungeborener Nachfahren. Und aus 1000 Kehlen im erstickenden Röcheln: „iiich muss auf´s Klooo!“

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1 Antwort auf „Der Pisspage…“


  1. 1 nelehmophon 16. Januar 2011 um 15:27 Uhr

    MEHR Geschichten!

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