„Revolutionärer“ Antispeziesismus – Wie der Antispeziesismus sich selbst auflöst

Die bisherigen Theorien des Antispeziesismus haben innere Widersprüche die der nun postulierte „revolutionäre“ Antispeziesismus nicht aufzulösen vermag. Es scheint eher als würde er anfangen sich selbst auflösen.

Der Stellenwert des Antispeziesismus

Der Antispeziesismus schreibt es sich auf die Fahnen, gleichwertig neben anderen Ausgrenzungsideologien zu stehen (Unity of Oppression). Doch sogar der neueste Theorie Input der Antispe Tübingen „Revolutionärer Antispeziesismus“ widerspricht diesem Anspruch.

Es gilt wohl als selbstverständlich dass Rassismus und Sexismus an jedem Ort, zu jeder Zeit und gegenüber jeder Person kritisiert werden sollte. Nicht so der Antispeziesismus:

Er will auch keine Moralphilosophie aufstellen, keine allgemeingültigen Sätze (…) oder durch sonstige einheitliche Moralforderungen die Klassengesellschaft und die verschiedenen Lebenslagen von Menschen weltweit missachten . Wir können nicht von reichen Gebildeten das selbe verlangen wie von armen Arbeitenden. Und wer sind wir, dass wir von Menschen, die von diesem System brutalst ausgebeutet werden, „Moral“ verlangen könnten? Wir wollen lieber mit diesen Menschen zusammen gegen die Ausbeutung im Ganzen kämpfen!

Würde man dieser Logik folgen dürfte Sexismus bei Migranten und Menschen in anderen Ländern oder Rassismus von Frauen nicht kritisiert werden. Damit zeigt sich dass Speziesismus ihnen nicht ebenbürtig ist.

Zudem bestätigt diese Stelle, eine einst bei eisberg.blogsport.de geäußerte Kritik am Antispeziesismus, dass eine vegane Lebensweise (die das Ideal im Umgang mit Tieren darstellen muss) ein Produkt des Zivilisationsprozesses ist. Das damit – ohne auf Menschen in technisch weniger entwickelten Gegenden Einfluss zu nehmen und bei ihnen den „Zivilisationsprozess“ voranzutreiben (was die Konsequenz wäre, möchte der Antispeziesismus seinen Platz in der Unity of Oppression behaupten) – keine allgemeingültigen Sätze und sich damit auch keinerlei antispeziesistischen Handlungsvorgaben ergeben, wird ja schon selbst zugegeben.

Die antispeziesistischen Arbeitnehmer

War es einst das Ziel des Antispeziesismus den Mensch-Tier-Dualismus aufzulösen, sieht der „revolutionäre“ Antispeziesismus sein Ziel in der Überwindung des Kapitalismus. Es ist begrüßenswert dass der Kapitalismus in einer antispeziesistischen Analyse mit bedacht wird, jedoch wird es im Text ins Lächerliche getrieben.

Speziesismus erscheint als ein Werk der Kapitalisten, die die Arbeiter dazu verdammen gesundheitsschädliches Fleisch zu essen.
Die Menschen welche die Nachfrage nach Tierprodukten generieren bleiben völlig unberücksichtigt und werden entsprechend der oberen Textstelle von diesem Vorwurf freigesprochen.
So kann auch ein Arbeiter der bei sich zu Hause ein Tier zum bspw. Verzehr tötet von sich behaupten: „Ich darf das, ohne Speziesist zu sein, schließlich bin ich Arbeiter.“

Durch diesen Speziesismus-Begriff, abgesehen davon dass es laut obiger Textstelle keine antispeziesistische Praxis zu geben scheint, bleibt nur die antikapitalistische Praxis. Dies würde jedoch bedeuten dass Speziesismus ein „Nebenwiderspruch“ ist, der sich mit dem verschwinden des Kapitalismus erledigt hätte. In diesem Falle würde eine Antispe-Gruppe zu einer antikapitalistischen Gruppe mit etwas Tierliebe verkommen.
Es ist jedoch utopisch zu glauben dass sich der Konsum von Tierprodukten in einer post-kapitalistischen Gesellschaft erledigt hätte.

Die Abgrenzung

Begrüßenswert ist die Abgrenzung zu bürgerlichen Tierrechts/-schutz Gruppen die, wie richtig erkannt, einige Ideologien reproduzieren die man in einer emanzipatorischen Bewegung nicht haben möchte. Dies wäre im Selbstbild der Antispe Tübingen aber auch nicht Neues.

Bei der Abgrenzung zur „anderen“ Seite werden vor allem die „Antideutschen“ hervorgehoben, obwohl von der Partei Linke bis zur MLPD und hinüber zu anarchistischen Kreisen der Umgang mit Tieren (die Natur insgesamt) in der Programmatik keine herausragende Rolle spielt
In bestimmten anarchistischen Gruppen wird der Umgang mit Tieren, meist aus der Kritik der Herrschaft thematisiert. Dies ist jedoch nicht immer mit der Verwendung des Begriffs Speziesismus verbunden.

Der Umgang mit Tieren bleibt so auch weiterhin kein genuin linkes Thema und die inneren Widersprüche bleiben bestehen.

Der Antispeziesismus scheitert:
- würde man die Mensch-Tier-Dualität auflösen, an der Praktikabilität
- würde man nur gewisse Tiere (z.B. Säugetiere) in den Kreis der moralisch zu berücksichtigenden Individuen aufnehmen, an seinen eigenen Ansprüchen, da er einen neuen Speziesismus kreieren würde
- würde der Speziesismus nur in bestimmten Fällen zu kritisieren sein an seinem ideologiekritischen Anspruch

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Eine Kritik abseits der antispeziesistischen Logik wäre an der Behauptung zu üben dass der Kapitalismus

die Menschen zwingt, sich selbst und ihre Arbeitskraft unter Wert zu verkaufen.

Diese Stelle erweckt den Eindruck als würde es einen Fortschritt darstellen dass die Arbeitskraft zu ihrem „Wert“ verkauften werden würde. In einer post-kapitalistischen Welt sollte die Arbeitskraft keinen Wert haben.
Zudem wird die Arbeitskraft im Kapitalismus entsprechend ihrem Wert verkauft. Das zu kritisierende wäre wohl eher dass sie Mehrwert schafft die nicht den Besitzern der Arbeitskraft gehört.

Auch die Behauptung, Frauen stünden unter dem Druck Hausfrau zu werden, entspricht vlt einem christlichen Weltbild, scheitert aber mMn an der Realität.

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