anonym bei johnny zweifel

Einmal Warschau und zurück
Ein Wochenende in polnischem Polizeigewahrsam

Freitag 11.11.2011 ca. 12:20 Uhr, ich befinde mich auf einer Straße in Warschau, eine Übermacht polnischer Polizisten, mit Knüppeln, Schilden und Gummischrotgewehren bewaffnet nötigt mich in einen Gefangenentransporter einzusteigen. Hier sehe ich auch zum letzten mal für eine längere Zeit meine zwei Genossen, die erst etwas später abtransportiert werden.
Ich sitze mit fünf Polen im Käfigabteil des Wagens, wir unterhalten uns auf englisch. Ich frage ob sie wissen wohin wir gebracht werden. Eine Frau Anfang 20 deutet auf einen Punkt in meiner Karte der nicht weit von unserem derzeitigen Standpunkt entfernt ist und tatsächlich halten wir nach kurzer Zeit im Hof einer Polizeiwache. Man eskortiert uns in ein Treppenhaus, bis ganz oben, sechster Stock. Dort befindet sich ein gefliester Gang ohne Fenster, an dessen Ende schon eine kleine Gruppe Demonstranten sitzt. Der Eingang ist mit einem Schreibtisch verbarrikadiert, auf dem ein jüngerer Polizist zu unserer Bewachung sitzt. Wir dürfen erst mal auf dem Boden Platz nehmen. Mit der Zeit treffen immer mehr Gefangene ein, bis wir etwa 25 Leute sind. Sowohl die Polen als auch die Deutschen kennen sich untereinander, ich bin der einzige der alleine ist und bleibe etwas außen vor.
Es herrscht eher Enttäuschung darüber vor, dass die ganze Action verpasst wird, wir gehen aber davon aus das wir heute Abend wieder raus sind. Es wird darüber spekuliert ob die Busse warten. Ich beginne Tetris auf meinem Handy zu spielen bis mir einfällt das ich den Akku, wenn ich raus bin vielleicht für etwas sinnvolleres brauche, nach fünf Minuten fange ich trotzdem wieder an, komme jedoch zur Vernunft und mache es ganz aus.

Es wird damit begonnen die Leute zu durchsuchen. Dazu werden sie einzeln in die Büros geführt. Die Durchsuchten kommen in einen durch eine Bank abgetrennten Bereich des Flurs. Irgendwann werde ich von zwei jüngeren Cops in Hooligan Outfit dazu aufgefordert mit zu kommen. Wir fahren mit einem kleinem Aufzug, der aussieht als ob der letzte TÜV noch durch einen Held der Arbeit abgenommen wurde, bis nach ganz unten. Ich werde über den Hof geführt, es dämmert schon ein bisschen, wahrscheinlich zwischen 4 und 5 Uhr, meine Nervosität steigt etwas da ich bisher der einzige bin der aus dem Flur gehen durfte. Es werden jedoch lediglich in einem anderen Raum verschiedenste Fotos von mir angefertigt, danach geht es wieder zurück in den sechsten Stock.

Ich komme in ein Büro, das komplett mit Fußball Schals ausgehängt ist, an einem Schrank ein Pitbull Poland Aufkleber. Sowieso scheinen gerade die jüngeren, männlichen Cops auf Hools zu machen. Aus dem Fenster kann man eine blinkende Coca Cola Leuchtreklame sehen, mittlerweile ist es dunkel geworden. Eine ältere Dolmetscherin erklärt mir das ich meine Sachen aus der Hose nehmen muss, sie werden eingetütet. Ich muss mich nackt ausziehen darf aber meine Kleider behalten, bis auf meine Schnürsenkel. Ich soll unterschreiben was mir abgenommen wurde verweigere dies aber. Darauf heißt es ich würde dann eben auch keinen Durchschlag erhalten. Nach einigem hin und her bekomme ich diesen auch ohne Unterschrift. Dann wieder ein anderes Büro, anderer Bulle und anderer Dolmetscher. Hier wird mir mein Tatvorwurf gemacht. Beleidigung und Angriff auf Polizeibeamte. Ich soll unterschreiben, was ich wiederum verweigere, stattdessen will ich einen Anwalt sprechen. Man sagt mir ich können eine Nummer angeben bei der dann die Polizei anruft. Ich lese die polnische EA Nummer von meinem Arm ab, die Polizistin verspricht dort anzurufen. Relativ offensichtlich, dass sie es nicht tun wird.

Zurück auf dem Gang unterhalte ich mich mit einer Polin, für arg viel mehr als die Wodka Preise beider Länder zu vergleichen reicht ihr englisch nicht, meines ist ja auch nicht viel besser.
Währendessen wird unsere Bullenwache, wie wir denken von Genossen angegriffen. Draußen sind Schreie und Polizei Sirenen zu hören, unsere Bewacher eilen zum Fenster. Später erfahre ich das 200 Nazis direkt vor der Wache 20 Antifaschisten attackiert haben. Im Moment freuen wir uns jedoch noch über die vermeintliche Soli Aktion.
Nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist und alle mit den Durchsuchungen durch sind kehrt Langeweile ein. In einem Büro läuft ein Fernseher dessen Bild wir in der Spiegelung der Scheibe sehen können.In der Nachrichtensendung sieht man Straßenschlachten und Wasserwerfer Einsatz. Als der Bulle merkt das wir zugucken schließt er die Tür. Ein paar Leute machen es sich auf den unbequemen Fließen zum schlafen gemütlich andere vertreiben sich die Zeit durch Rätsel lösen. Immer noch gehen wir davon aus bald frei zu kommen. Wie fordern etwas zu essen, jedoch vergeblich.

Irgendwann sickert, vor allem durch die Übersetzungen der mit inhaftierten Polen, durch dass wir für die Nacht erst mal in die Zelle wandern. In Gruppen werden wir in einen großen Gefangenen- Transporter gebracht von da aus wieder in anderer Konstellation in einen kleinen. Kein Mensch weiß warum aber dort treffe ich auch eine Genossin aus dem sechsten Stock wieder. Als wir endlich los fahren muss es schon längst Mitternacht sein. Der Transporter heizt wie irre durch Warschau und wir schleudern hinten bei jeder Kurve und jeder Ampel durch den Raum. Irgendjemand meint wir seien über die Warschauer Stadtgrenze gefahren, jedenfalls halten wir nach ca. 30 min vor einer Polizeikaserne. Als erstes wird die Genossin aufgefordert auszusteigen, sie kommt jedoch nach einiger Zeit zurück, weil in diesem Zellenblock keine Frauen inhaftiert werden. Nach einer Weile komme ich an die Reihe, ich werde in einen Raum geführt. Während ich mich ausziehe singt ein Polizist „Deutschland Deutschland über alles“, der Hass auf Deutschland ist wohl das einzige was uns verbindet. Ich soll irgendwas unterschreiben, will ich nicht, mir wird gedroht, dann mach ich ein paar Kringel auf das Blatt, damit geben sie sich zufrieden.

Ich werde durch eine Gittertür in einen Zellen Trakt geführt, bekomme eine Art Matte, eine Decke Kissen und Laken. Der Schließer macht eine Zellentür auf, dahinter ein gekachelter Raum, keine Sicht nach draußen. Drei Neonröhren hinter einem Gitter, zwei Holzpritschen. Auf einer liegt bereits ein Typ und schläft, untersetzt, Mitte 30, gestreiftes Polo Hemd, sieht jedenfalls nicht nach dem typischen Nazi Hool aus. Ich bin erleichtert und mache mein Bett zurecht, bequem ist anders. Es fällt mir schwer bei dem grellen Licht zu schlafen, irgendwann übermannt mich jedoch die Müdigkeit.

Am nächsten Morgen wache ich auf, als uns das Frühstück gebracht wird. Ein Becher Tee und ein Teller mit Broten, die mit einer wurstartigen Paste bestrichen sind. Obwohl es 17 Stunden her ist seit ich das letzte mal etwas gegessen habe hält sich mein Appetit in Grenzen. Nach einer Scheibe gebe ich auf. Nun komme ich auch mit meinem polnischen Zellengenossen, der gut englisch spricht ins Gespräch, er fragt mich warum ich hier bin, ich erfinde was von wegen das ich Tourist sei und da eine große Demonstration war und ich zufällig mit genommen wurde. Er sieht zwar nicht nach Nazi aus aber man weiß ja nie. Außerdem will er selber auch nicht so recht damit raus rücken warum er hier ist, er meint nur das es sich um einen großen Irrtum handelt, im übrigen ist er verheiratet und hat drei Kinder, aber seine Frau weiß nicht das er hier ist und macht sich sicher Sorgen. Danach liegen wir wieder schweigend auf unseren Pritschen.

Psychologisch markieren die nächsten Stunden auf jeden Fall den Tiefpunkt des Wochenendes, ohne meine Genossen fühle ich mich in der Zelle doch ziemlich allein und ausgeliefert. Befeuert durch die stickige Zellenluft schießen mir absurde Überlegungen durch den Kopf. Wenn sie es wegen nichts schon so weit treiben, warum drücken sie uns nicht gleich noch ein Jahr Knast rein, bei dem Gedanken, ich als Kommunist aus Deutschland im polnischen Knast unter Nazi Hools, wird es mir anders. Für die nächsten Stunden verliere ich komplett das Zeitgefühl. Ich beginne die Sekunden zu zählen, nach Fünf Minuten höre ich auf, meine Gedanken drehen sich im Kreis. Nach einer gefühlten Ewigkeit gibt es Mittagessen, Suppe und Brot mit einem Stück Wurst. Ich rühre nichts an. Kurz nachdem ich in einen unruhigen Schlaf verfallen bin, geht die Zellen Tür auf, ich soll mitkommen. Ich wünsche dem polnischen Familienvater viel Glück. In einem Raum wartet ein Bereitschaftspolizist auf mich, der mir Handschellen anlegt und mich in einen großen Gefangenen-Transporter bringt. Dort treffe ich wieder Genossen, wir gleichen unsere Geschichten ab. Ich hab es noch durchaus Gut erwischt, einer war mit einem Fascho in der Zelle und hat verständlicher Weise kein Auge zu gemacht.

Wir fahren los, es dämmert schon wieder. Ca. fünf Uhr und es ist kalt. Die Bullen haben die Dachluke des Wagens aufgemacht. Ich lege einem Genossen der nur einen dünnen Pulli anhat, meine Jacke über die Schultern, anziehen geht wegen der Handschellen nicht. Wir fahren in eine Plattensiedlung am Rand von Warschau, vor einer Polizeiwache sammeln wir weitere Gefangene ein, darunter die Polen von Gestern. Diese erzählen das sie aufgeschnappt hätten das wir jetzt zum Gericht fahren, wo uns ein Schnellverfahren erwartet. Vor dem Gericht stehen mehre Kameras und eine Horde Fotografen. Als wir durch das Blitzlichtgewitter geführt werden, versuchen wir so gut wie möglich unsere Gesichter zu verdecken. Dann geht es durch eine Tiefgarage in die Zellen unter dem Gerichtsgebäude, keine Fenster, Fließendboden, Neonlicht. Nach einer Weile werden die Polen aus der Zelle geholt, wahrscheinlich zum Prozess. Ich komme mit den Genossen ins Gespräch, typische Antifa Prolls, aber irgendwie doch ganz nette Leute. Nach mehreren Stunden, werden auch wir abgeholt, jedoch geht es nicht im Gebäude nach oben sondern, wieder mal in einen Transporter, der uns ein paar Blocks weiter zu der Polizeiwache von Freitag bringt. Es kommt nochmal die Hoffnung auf das wir einfach unser Zeug zurück bekommen und gehen dürfen.

Ein Polizist bringt mich in ein Büro, dort sitzen zwei Frauen, ich werde nochmal verhört, der Vorwurf hat sich im Vergleich zu gestern geändert. Nun ist von „Störung der öffentlichen Ordnung durch Hooligan- artiges auftreten“ die Rede. Ich verweigere die Aussage und verlange nochmal einen Anwalt zu sprechen. Die Polizistin meint es wäre in meinem Protokoll vermerkt das dies bereits geschehen sei, währenddessen zieht sich ein Cop hinter mir Handschuhe an. Er führt mich weiter, als ich vor ihm die Treppe runter laufe greift er mir ins Genick und drückt zu, ich gebe ihm zu verstehen dass er locker lassen soll, was er tatsächlich tut. Kurz bevor ich an meiner nächsten Station angelangt bin schlägt er mir mit der flachen Hand ins Gesicht. Ich hab jedoch keinen Grund beleidigt zu sein, wie sich im Laufe des Abends herausstellt, macht er das bei allen.

In einer Art Abstellkammer ergattere ich noch den letzten Sitzplatz, nach und nach füllt sich der Raum. Geschichten über Leuten die auf dem Klo verprügelt wurden, bei offenem Fenster im T-Shirt schlafen mussten und von weiteren Nazi Zellengenossen machen die Runde, doch vor allem eine Nachricht sorgt für gute Stimmung, nämlich das heute schon sicher Leute raus gekommen sind. Auch im Büro gegenüber bei den Bullen ist die Stimmung gut, während eine Thermosflasche die Runde macht, zielt eine Polizistin zu ihrer offensichtlichen Freude mit einem Gewehr auf uns.

Ein junger Mann spricht mich an, nennt meinen Namen und sagt Genossen hätten mich beschrieben und er solle mir Grüße ausrichten. Noch mehr freut mich natürlich, dass einer von ihnen wenig später auch in unser Zimmer kommt. Das erste bekannte Gesicht seid 34 Stunden. Er kann gleich von einem üblen Übergriff auf ihn erzählen. Wenig später werde ich wieder von ihm getrennt als wir in Kleingruppen und in Handschellen in einen Transporter verladen werden, langsam wird das Routine. Ich bekomme eine Einzelkabine im vorderen Teil des Wagens, ist mir aber mittlerweile auch egal. Wir fahren zu einer andern Unterbringung, Ausstattung fast die selbe, gewohntes Spiel durchsuchen, ausziehen, der Uhr an der Wand entnehme ich das es 2 Uhr Nachts ist. Ich komme in eine Zelle, diesmal mit drei Pritschen, noch niemand da, zu meiner Freude kommen in den nächsten Minuten noch zwei Genossen, man kennt sich mittlerweile vom sehen und ein weiterer Pluspunkt dieses Etablissements, das Licht geht Nachts aus.

Der Minuspunkt folgt am nächsten morgen. Wir bekommen Frühstuck und müssen unser Bettzeug abgeben, schlechter Tausch. Ich schlafe trotzdem weiter auf blankem Holz mein Strickpulli dient als Kopfkissen. Um ca. 9 Uhr werden wir mal wieder in Handschellen ins Gericht verfrachtet, erst mal in die Keller Zellen. Meine Lieblings Dorf Antifas erzählen lustige Geschichten. Nun besteht zum ersten mal begründete Hoffnung bald frei zu sein. Als einziger werde ich aus der Zelle gebeten, die anderen wünschen mir Glück.

Ich darf mich in eine Reihe mit ca. 10 Genossen stellen, die jeweils zu zweit aneinander gekettet sind. Dann geht es einen Stock höher in den Gerichtssaal, der Prozess stellt sich aber als absolute Farce heraus. Wir werden als Block abgefertigt, das heißt wir sitzen alle auf der Besucher Bank, nach und nach werden wir aufgerufen und nach Angaben zur Person gefragt. Danach verliest die Richterin, einen Staatsanwalt scheint es nicht zu geben, den Tatvorwurf. Es werden wiederum alle der Reihe nach aufgerufen ob sie sich zur Tat äußern wollen, will natürlich niemand. Dann werden noch zwei Zeugen gehört, beides Bullen, die die Richterin einfach darum bitten ihr Protokoll vorzulesen. Alles wird von einem Dolmetscher übersetzt. Danach verkündet die Richterin, dass um alle Beweise zu sichern ein ordentlicher Prozess nötig wäre, und deshalb der nächste Termin der 15. Dezember, neun Uhr, Raum irgendwas sei.
Da niemand von uns eine Zustelladresse in Polen angegeben hätte, gelte die Korrespondenz als erhalten so bald sie der Akte angehängt wird, im übrigen könnten wir auch in Abwesenheit verurteilt werden. Ende der Vorstellung.

Wir werden wieder nach unten geführt, vorbei an den Journalisten und Fotografen. Dort treffen wir auf Botschaftsmitarbeiter, die sich fürsorglich wie der deutsche Staat nun mal zu seinen Lohnarbeitern ist, über unser Befinden erkundigt. In Deutschland sind wir Linksextremisten, hier Staatsbürger. Sie meinen auch das wir jetzt noch zu Wache fahren würden und danach frei wären. Tatsächlich werden die Handschellen abgenommen, wir ein letztes mal in Transporter verfrachtet und zu unserer Lieblingswache gebracht. Vor der Tür Treffe ich den anderen Genossen, der schon am Samstag raus ist, bevor ich jedoch endgültig frei bin, muss ich nochmal rein. Nacheinander wird uns unser Zeug ausgehändigt, dann geht Polizist mit mir runter in den Hof, kurz sind wir im Untergeschoss alleine und ich rechne eigentlich fest damit das er nochmal mal mit „Handschlag“ auf Wiedersehen sagt. Das bleibt aus und so gehe ich, um ca. 13:30 Uhr über den Hof.

Es fällt ein ganz feiner Nieselregen die Temperatur ist knapp über dem Gefrierpunkt, ich passiere eine Schranke, ein Mann vom mittlerweile deutsch-polnischen EA schüttelt mir die Hand, man bietet mir Kekse und etwas zu trinken an, ich bin frei.

„Lasset se oin wieder schpringa, isch ja koi Hotel“

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