„Denpasar Kolektif“ – Punk in Bali (Indonesien)

Von Frutti Di Mare:

Ja, hier grossmäulig einen Indonesien-Szene-Report anzukündigen wäre übertrieben, da ich im Grunde nur ein paar Leute in Denpasar, Bali getroffen und ein Konzert dort besucht habe. Trotzdem war das ne sehr interessante Erfahrung und die will ich euch nicht vorenthalten!

Im Vorfeld meiner Reise habe ich im Internet recherchiert, was denn in Indonesien Punk-mäßig so geht. Dass es dort ne recht aktive Szene mit zig Bands, Labels, Distros und Shows gibt, war mir schon bekannt (übrigens auch in Malaysia und Singapur): Zum Einen hatten wir in Tübingen ja vor einigen Jahren schon mal nen Vortrag zum Thema DIY/Punk in Indonesien im Epple, zum Anderen hatten wir mit KRASSKEPALA und KONTRASOSIAL bereits zwei Bands aus Indonesien hier zu Gast. Besonders die Städte Jakarta und Bandung und die Insel Java allgemein sind Punk-mäßig wohl hot. Aceh sollte man vielleichte eher meiden… Und auch Bands wie NEVER BUILT RUINS, die ja schon öfter in Tübingen gespielt haben, waren dort schon auf Tour. Auch die etwas zweifelhafte SWR Doku „Punk im Dschungel“ mit CLUSTER BOMB UNIT oder die coole R.A.M.B.O. DVD-Beilage der zweiten LP bietet da ein paar Einblicke… Ja, jedenfalls fand ich durch die Homepage http://ricecooker.kerbau.com, wo Shows in ganz Südostasien beworben werden, dann einen Flyer zu einer Show in Bali und nahm Kontakt zu den Leuten dort auf…
Gilang, ein junger Typ aus Denpasar, der dort Shows organisiert und neben seiner Band UGLY BASTARD auch nen kleinen Distro betreibt, hat sich dann auch sofort bei mir zurückgemeldet und wir haben uns für Anfang März verabredet. Glücklicherweise fand dann sogar tatsächlich ein Konzert statt, als ich dort war (oder viel mehr ein Festival, immerhin sollten mehr als 10 Bands spielen!). Da Denpasar eine relativ große und dreckige Stadt ist und ich dort nicht wohnen wollte, hatte ich erst mal zwei Stunden Anfahrt mit dem Roller, um mich mit Gilang und den Anderen zu treffen. Aber da ich ja im Urlaub war, kein Problem, Zeit en masse. Mittags gegen 15 Uhr haben wir uns also im Büro irgendeiner Umweltschutz-NGO getroffen, die ihre Räume für Politgruppen zur Verfügung stellt und so ne Art Treffpunkt für die Leute vom „Denpasar Kolektif“ darstellt. Als wir ankamen, war eine Hand voll junger Punks dort und wir sind einfach nur abgehangen, haben Arak getrunken und auf die Leute von WARTHREAT aus Australien gewartet, die heute als Headliner spielen sollten. Als die dann wenig später mit mehreren Taxis ankamen (6 Leute + Backline und Instrumente!) und ihr Equipment entluden, stellte sich raus, dass die Show gar nicht dort stattfinden würde, sondern im ca. eine Stunde entfernten Mengwi. Also nochmal ein Taxi gerufen und alles wieder rein in die Karre und dem Taxi-Typen erklärt, dass er jetzt die ganzen Instrumente irgendwo in die Pampa raus fahren muss, während wir und die Band mit Rollern vorne weg fährt! Ausgelassene Stimmung und viele Lacher schon jetzt. Rockergang-mäßig gings dann mit den Mopeds im Konvoi aus der Stadt raus und in die Pampa (die in Bali aus Reisfeldern und Palmen und kleinen, kurvigen Straßen und Hügeln besteht) bis wir schließlich ein Gebäude in einem kleinen Kaff erreichten, wo die Show stattfinden sollte. Open Air selbstverständlich, es hat schließlich locker 30 Grad. Zwischenzeitlich war es etwa 17 Uhr und nachdem alles aufgebaut war, gab es erst mal Essen (Reis mit Scheiß, aber in lecker! Nicht so wie bei uns ;-) ). Nach und nach trudelten immer mehr Leute ein (150 schätz ich) und es wurde dunkel. Gegen 19Uhr fing dann die erste Band. Die Erste und für mich Einzige, wie sich im Lauf des Abends herausstellen sollte. Denn nachdem die ihren New York-mäßigen Hardcore etwa 15 Minuten vorgetragen hatten, fiel der Strom aus. Tja, Scheiße! Aber klar, wir sind in Indonesien. Nichts weiter dabei gedacht, waren ja viele Leute da mit denen man sich unterhalten konnten und die sehr offen und interessiert waren. Bier hatten zum Glück die Australier unterwegs gekauft, denn ne Bar gab es nicht. Bring your own drinks war die Devise. Und da Bier in Indonesien teuer ist (umgerechnet zwischen 2 und 3 Euro für 0,6L), saufen alle Arak (lokalen Palmenschnaps). Leider zog sich der Stromausfall dann mehr und mehr in die Länge und in meinen Hinterkopf wiederholte eine Stimme immer wieder: „Zwei Stunden Rückfahrt, zwei Stunden Rückfahrt!“. Und ich hatte keinen Plan, wo ich genau war und ob ich so einfach allein zurück finden würde. Schließlich haben wir dann gegen 22 Uhr aufgegeben und sind aufgebrochen, weil es absolut nicht absehbar war, wann und ob der Strom denn je nochmal an ging. Ein paar Leute haben uns dann bis nach Denpasar zurück begleitet und die restliche Strecke ging dann gut alleine. Gilang schrieb mir dann nachts, dass der Strom gegen 23 Uhr wieder angegangen sei und dann noch alle 10 Bands (kurze Sets) gespielt hätten, aber da lag ich schon wieder in meinem Bungalow am Strand und schlummerte…
Ja, ein Reinfall also, wenn man es negativ sehen will. Aber im Grunde sind mir die einzelnen Bands ja eh scheißegal gewesen. Klar, Gilangs Band UGLY BASTARD hätte ich mir gern angeschaut und auch die anderen wären sicher ne nette Abwechslung gewesen, aber ohne überheblich klingen zu wollen: Musikalisch ist dort die Welt auch nicht anders als hier. Im Gegenteil: Vieles ist sehr Skandinavien- bzw. Portland-inspiriert, (um nicht das Wort „Kopie“ in den Mund zu nehmen). Nur eben in schlechter, haha. Was die Musik als auch die Inhalte und den Style angeht, finden sich offensichtliche Parallelen zu Anarcho-Punk/Crust Bands aus USA und Europa. Und auch die getragenen Bandshirts etc. könnte man sicher auf einem hiesigen Metal-Crust-Gig wiederfinden. Also, Musik: zweitrangig. Es ging um den Event an sich, um den Kontakt zu den Leuten vor Ort und den Austausch. Darum, mal zu sehen, wie Leute in anderen Ländern ihren Kram organisieren und so weiter. Und diese Einblicke konnte ich auf jeden Fall bekommen. Interessant war z.B., dass die Bands dort zahlen müssen, um spielen zu können. Nicht, weil da ein Promoter sich Geld einsacken will (DIY ist dort die politische Message schlechthin), aber weil der Eintritt mit 10.000 Rupiah (etwa 85 Cent) trotz hoher BesucherInnenzahlen nicht die Kosten für Miete der Räumlichkeiten etc. deckt. Squats nach unserem Verständnis gibt’s dort auch nicht, weil Häuser dort nicht leerstehen. Bzw. wenn sie es tun, sind sie so marode, dass man nicht mal Punk-Konzerte dort machen kann! Hausbesetzen ist definitiv ein „1. Welt“-Phänomen. Jugendzenten etc. gibts gleich dreimal nicht. Und auch, dass niemand Bier trinkt, ist ganz schön verstörend (aber bei den Preisen und den Einkommen nachvollziehbar). Und es scheint Bands ohne Ende zu geben. Ich mein: 10 lokale Bands oder mehr auf einer Show – und das ist normal dort. Dieses ganze Anarcho-Punk/DIY Ding scheint in Bali (in anderen Gegenden ist es evtl. anders) jedenfalls noch ne richtige Jugendbewegung zu sein: jung, rebellisch, politisch, idealistisch.
Hab mich dann kurz vor meiner Abreise nochmal mit Gilang und ein paar Leuten in Kuta getroffen und auf der Straße vor ner Punk-Kneipe abgehangen und gequatscht. Dabei hat er mir von der letzten UGLY BASTARD (was für eine Name!!) Tour im Februar erzählt. Die dauerte eine Woche und führte bis nach Jakarta. Mit dem Zug! Und in Indonesien Zug zu fahren sei echt Abenteuer. Zumal in der „Economy-Class“. Aber hat wohl funktioniert und ist billig genug, um sowas wie ne Tour dort überhaupt zu ermöglichen. Wir hatten es dann noch von indigenen Communities in Indonesien, die sich zwar nicht Anarchisten nennen, aber auf den Staat und die Regierung scheißen und keine Ausweise haben, über die landesweiten Proteste und Riots gegen die Erhöhung der Benzinpreise und die Voll-Assi-Touristen aus Europa und Australien, die nach Bali kommen und sich aufführen, als wären sie die Kings (and Queens). Zu guter Letzt hab ich dann noch ein Shirt von Gilangs Band bekommen und die Einladung, beim nächsten doch mit meiner Band zu kommen. Mal sehen, vielleicht führe ich das Shirt die Tage mal aus. Die nächste Reise dauert hingegen vermutlich noch ein Weilchen…











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