Der Mann, der gerne Zug fuhr…

Ich konnte mich noch nie sonderlich für das Zugfahren begeistern. Am Allerwenigsten für das in Regionalbahnen… Überfüllt, stickig, laut. Wie ein Konzert, auf dem man nicht freiwillig ist. Zu laute Gespräche in Handys, schreiende Kinder, Gangster Rap von I-Phones, Gedränge, Schmelztiegel. Meistens zog ich mich in meine Kopfhörer zurück, schlüpfte in meinen eigenen, favorisierten Lärmteppich. Nicht dieses mal…

Ich war dem Treiben voll ausgeliefert, spürte bereits, wie der Stress in mir aufkeimte, kalter Schweiß ausbricht und mein Herz anfängt zu rumpeln, als ein Geräusch ertönte, das nicht wirklich in das Muster der Geräuschkulisse passen wollte: „AGGH!!“ Es klang fast schon mechanisch, musste aber von einem Menschen stammen. Da war es wieder: „AGGH!!“, begleitet von einem resignierten Seufzer und einem „O Je!!“ Die Quelle des Geräusches konnte ich an diesem Tag nicht ausmachen, bekam jedoch die Gelegenheit am darauffolgenden.

Wie immer quetschte ich mich durch das aufgeregte Wuseln und Schubsen der Kinder auf der Suche nach einem freien Platz und fand tatsächlich einen. Nein, nicht der vor der Toilette, mit den wenig einladenden Klapp-Sesseln, war frei, sondern tatsächlich einer der gemütlichen „Vierer“, die sogar die Möglichkeit boten, die Füße auszustrecken… Die Kinder schienen diesen Platz zu meiden. Warum war mir nicht klar, bis ich den zusammengesunkenen, hutzeligen Mann in seinem verschlissenen Karohemd, den Hosenträgern und einer viel zu weiten Jeans entdeckte.

Sein Alter war nicht wirklich festmachbar, spielte auch keine Rolle mehr, er war einfach alt. Sein Gesicht grau und furchig, wie eine Mondlandschaft, wirres, ungekämmtes Haar, zum Kinn expandierende Augenringe und Ohren so groß und haarig, wie die eines Ogers. Ein wenig Speichel rann an seinem Mundwinkel herab… Fast schon leblos wirkte er, wäre da nicht die Zunge gewesen, die unruhig im Mund rotierte und die fast schon leuchtend blauen Augen, die versuchten die vorbeiziehende Landschaft einzuholen, zu bannen. Sie schnappten interessiert in den Höhlen von recht nach links und wieder zurück, was mich an die Augen von jemandem erinnerte, der ziemlich lang und schnell auf einem Bürostuhl gedreht wird. Da kam es: „AGGH!!“ „AGGH!!“ „O JE“ Der alte Mann konnte die Geräusche offensichtlich nicht kontrollieren, sie platzen aus ihm heraus wie Schluckauf… Er litt, klopfte gegen die Scheibe, als würde der Schmerz der Knöchel das Geräusch kontrollieren können. Wieder: „AGG!“, „AGG!“

Lautes Lachen lenkte mich von dem Mann ab, der mir gegenüber immer tiefer in den Sitz sank… Da standen sie, eine Horde pubertierender Gören… Das lauteste Lachen und der ausgestreckte Finger gehörte dem ältesten der fünf Mädels. Schnell war klar, dass das blonde, Mädchen mit dem langweiligen, vor billiger Schminke triefenden Gesicht ,den knappen Shorts und einem Ramones-Shirt der Maßstab der Gruppe war. Sie schien ein wenig älter, musste wahrscheinlich eine Klasse wiederholen, rauchte bestimmt schon und hatte möglicherweise schon Erfahrungen mit Jungs gemacht, was ihre Autorität in der Gruppe zu rechtfertigen schien. Ihr Lachen wollte nicht aufhören, suchte immer wieder die Bestätigung der anderen vier Mädchen und schwoll erneut an.

Die Augen des Mannes schienen zu erlöschen, das „AGGH!“ wurde etwas leiser. Am nächsten Bahnhof erhob er sich ächzend, ging gebeugt zum Ausgang und stieg in den Zug, der aus der Gegenrichtung kam. Dies war sein tägliches Ritual. Er fuhr Zug. Hin und her.

Vierundzwanzig Stunden danach das selbe Spiel: Der Zug überfüllt wie eh und je. Drei Plätze im Vierer neben dem Alten frei. Das „Aggh!“ erklang wieder ein wenig froher, schien neue Kraft geschöpft zu haben. Bis die Mädchen zustiegen, wieder lachten, wieder zeigten. Der Versuch des Alten unsichtbar zu werden, wurde von einem lauten, herausgefurzten „AGGH!“ unterbunden. Schallendes Gelächter!!

Wenige Tage später, nach einem aufreibendem Wochenende, das von Schlaflosigkeit und düsteren Tagträumen durchzogen war, machte ich mich auf den Weg zum Zug. Überall hingen Plakate und zeigten das schlecht geschminkte Gesicht des blonden Mädchens. Darunter: „Vermisst!!“ Ich stieg in den Zug. Der Platz gegenüber des Alten war frei. Ich setzte mich und während ein lautes, zufriedenes „AGGH!!“ aus ihm herauspurzelte, schauten mich seine leuchtenden Augen dankbar an.

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