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Es gibt kein Recht auf Antizionismus!

Der Reutlinger Techno-DJ Raphael Zuliani („LostnAlive“) hatte kürzlich keine gute Woche. Ihm wurden zwei Veranstaltungen gekündigt. Warum? Weil er auf seinem Facebook-Account seinen notorischen Israelhass rausließ und u.a. gegen die „drecks zionisten“ wetterte. Illustriert wurde das Ganze beispielsweise mit einer blutigen Metzger-Schürze mit Davidsstern darauf.

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Natürlich will Zuliani kein Antisemit sein und ist das aller Wahrscheinlichkeit auch nach seinem Selbstverständnis nicht. Überhaupt will ja heute keine_r mehr Antisemit, Rassist oder homophob sein. Demzufolge gibt es auch bei der NPD kein Rassist_innen oder Nazis.
Zugegeben, die Tiraden gegen Israel sind bei Zuliani ziemlich hasserfüllt, aber ist (dieser) Antizionismus tatsächlich auch Antisemitismus? Dazu muss etwas ausgeholt werden.

Was ist Zionismus?
Zionismus ist eine politische Bewegung des Judentums mit dem Ziel, den über die ganze Erde zerstreuten Jüdinnen und Juden eine Heimat zu geben. Von den meisten Zionisten wird Israel mit dem religiös-politischen Mittelpunkt Zion (Jerusalem) als diese Heimat angesehen.
Anders als Antizionist_innen es behaupten, differenziert sich der Zionismus in zahlreiche weitere – linke wie rechte – Unterströmungen auf, von stark rechts und religiös bis sozialistisch („Arbeiterzionismus“). Es gibt nicht „den Zionismus“, sondern viele unterschiedliche Zionismen. Der nichtreligiöse Zionismus war eine Art von demokratischer Nationalbewegung, die zur Gründung von Israel führte.
Die Ursachen die zur Herausbildung des Zionismus in der jüdischen Minderheit führten, liegen in der jüdischen Geschichte und in dem Scheitern der jüdischen Emanzipation am europäischen Antisemitismus. Jüdische Menschen wurden in der Diaspora immer wieder zum Opfer von Pogromen und Diskriminierung. Der Antisemitismus war auch schon vor 1933 massenmörderisch; so forderten antisemitische Pogrome im russischen Bürgerkrieg zehntausende von Menschenleben.
Damit fungiert Israel bis heute als „Notausgang“ für alle potenziellen Antisemitismusopfer und Zionismus ist spätestens seit dem Holocaust auch eine Art von Politik gewordenes Katastrophenbewusstsein. Begründet wurde der säkulare Zionismus von von Theodor Herzl, einem Juden aus Westeuropa, der unter dem Eindruck der antisemitisch aufgeladenen Dreyfus-Affäre in Frankreich, das Programm des Zionismus formuliert. Die meisten Anhänger_innen fand der Zionismus aber in Osteuropa. Herzl, sah als einzigen Ausweg vor Diskriminierung und Verfolgung die Schaffung eines jüdischen Staates: Das heutige Israel.
Israel ist dabei nicht nur einer von vielen Staaten, sondern hat daneben auch eine spezielle Funktion. Der Theoretiker Robert Kurz schrieb dazu: „Doppelcharakter des Staates Israel, der einerseits ein gewöhnlicher moderner Staat im Rahmen des Weltmarkts ist, andererseits aber eine Antwort der Juden auf die eliminatorische Ausgrenzungsideologie des europäischen und insbesondere des deutschen Antisemitismus.“

Was ist Antizionismus?
Unter Antizionismus versteht mensch heute, vereinfacht gesagt die Feindschaft und Ablehnung des Staates Israel. Das kann sich darin äußern, dass dem Staat Israel das Existenzrecht abgesprochen wird. Aber auch undifferenzierte und einseitige Kritik an Israel trägt oft antizionistische Züge, auch wenn das Existenzrecht Israel nicht direkt in Frage gestellt wird. Diese Art von Kritik ist oft daran zu erkennen, dass Israel das einzige Objekt der (übermäßigen) Kritik darstellt und die anderen Konfliktparteien ausgelassen oder kaum behandelt werden.
Viele, besonders die politisch alphabetisierten, Menschen haben sich durch den Konsum hiesiger Medien eine (einseitige) Meinung über den Israel-Palästina-Konflikt gebildet.
In vielen Fällen wird Israel als brutale Besatzungsmacht, die die unschuldigen Palästinenser blutig unterdrückt, dargestellt. Kurzum regiert das Prinzip, der Mörder ist immer der Gärtner und der Aggressor immer der jüdische Staat Israel. Von Journalist_innen, die den Konflikt derart einseitig darstellen, werden meist auch die palästinensischen Selbstmordattentate als pure Verzweiflungsakte dargestellt. Aber keine Verzweiflung der Welt legitimiert es, sich in einem Schulbus oder vor einer Disko in die Luft zu jagen. Es ist in Wahrheit auch weniger die Verzweiflung, sondern mehr der religiöse Fanatismus und Antisemitismus, der zu Selbstmordattentaten führen. Der antisemitische Gehalt solcher Aktionen zeigt sich unter anderem auch darin, dass jüdische Gemeinden weltweit das Ziel von Attentaten sind, denn aus antisemitischer Sicht sind ja alle Juden gleich. Antisemitismus spielt im Israel-Palästina-Konflikt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Auch die islamistische Palästinenserorganisation Hamas zitiert in ihrer Gründungcharta aus den „Protokollen der Weisen von Zion“, eine berüchtigte antisemitische Fälschung, die von einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung handelt und bereits die Nazis inspirierte. Aber auch die säkulare palästinensische Nationalbewegung weist antisemitische Tendenzen auf. So wird zum Beispiel in einem Kreuzworträtsel in einer normalen palästinensischen Tageszeitung nach einer „typischen Eigenschaft von Juden“ gefragt. Antwort ist „Heimtücke“. Derlei ist kein einmaliger Ausrutscher, sondern ist sehr häufig zu bemerken. Einer Umfrage in den palästinensischen Autonomiegebieten von 2011 nach stimmen 73 Prozent mit einem auch in der Charta der Hamas zu findenden Hadith (mündliche Überlieferung des Propheten Mohammed) überein, in dem es heißt: „Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn!“
Viele, die zugestehen, dass Antisemitismus eine Rolle im Konflikt spielt, sehen in der israelischen Politik eine Ursache des Antisemitismus. Dabei ist es aber, wie gezeigt, anders herum: Antisemitismus ist eine Ursache des Konfliktes.

In Deutschland erfüllt aber Antizionismus noch eine besondere Funktion. Hier dient die Israel als Projektionsfläche für innenpolitische Auseinandersetzungen. „Kritik“ an und der Hass auf Israel dient häufig der sogenannten Umwegkommunikation für Antisemitismus, weil der Antisemitismus in der Öffentlichkeit tabuisiert ist. Allerdings existiert ein Stammtisch-Antisemitismus weiter. Nur die öffentliche und nicht die nichtöffentliche Meinung sind durch offizielle Tabus eingegrenzt. Die zugehörige These von der „Kommunikationslatenz“ besagt, dass einerseits antisemitische Einstellungen in der Bevölkerung weit verbreitet seien, diese andererseits aber nicht durch das öffentliche Meinungsklima bestätigt werden.
Dabei muss der/dem Israel“kritiker_in“ der antisemitische Gehalt ihrer/seiner Tiraden selber gar nicht bewusst sein. Sie/er kann auch recht unbewusst Israel dämonisieren, weil sie/er den einseitigen Medien-Bildern folgt, die Kontexte überhaupt nicht kennt und ein tief verwurzelten Bedürfnis nach Befreiung des eigenen Nationalismus folgt. Mensch kennt sie ja, die selbsternannten Nahohst-Expert_innen, die glauben, sie könnten den Konflikt lösen, wenn mensch sie nur ließe, nämlich los auf Israel. In Wahrheit gilt für diese Spezies: Von nix ne Ahnung, aber zu allem ne Meinung.

Ist nun Antizionismus Antisemitismus?
Rechter Antizionismus ist sehr einfach als Antisemitismus zu demaskieren. Wenn extreme Rechte mit „gegen die Macht der Zionisten“-Plakaten herumlaufen, ist das leicht als Antisemitismus zu entlarven. Die Chiffre Zionisten = Juden ist dabei kaum zu übersehen.
Auch in der Linken gibt es starke Feindschaften und Vorurteile gegen Israel, die oft auch fließend in den Antisemitismus und/oder antisemitische Stereotype übergehen. Der Antizionismus hat in der deutschen Linken eine lange Tradition. Der unkritische Solidaritätsfetischismus führte bei einigen Linken dazu, dass sie sich ohne Vorbehalte auf die Seite des „unterdrückten“ palästinensischen „Volkes“ stellen. Dabei kommt es immer wieder zu unheiligen Allianzen, wie die von Globalisierungsgegner_innen mit Islamist_innen und „Terrorist_innen (Hisbollah, DFLP, PFLP) im 18. und 19. September 2004 in Beirut. An diesem Datum trafen sich auf Einladung der Hisbollah und der Libanesischen Kommunistischen Partei mehr als 200 Organisationen der Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung (darunter ATTAC Japan, Schweiz und Norwegen) in Beirut, um ihren Widerstand gegen die Globalisierung zu koordinieren. Dass die Hisbollah eine terroristische, frauenfeindliche und antisemitische Gruppe ist, schien dabei niemanden zu stören. Einigendes Moment der Gruppen war offenbar der gemeinsame Antizionismus und der Antiamerikanismus.
In der antizionistischen Linken wird Israel jenseits der der Realität zum „Brückenkopf des US-Imperialismus“, zur „Kolonialmacht“, zum „Apartheidsstaat“ oder sogar zum „Nazisstaat“ und die Palästinenser werden zu den „neuen Juden“ gemacht.
Nicht alle, aber viele linke Antizionist_innen haben ein antinationaler Selbstverständnis. Aber auch hier offenbaren sich Schräglagen. Der massiven Kritik an Israel entspricht die völlige Abwesenheit einer grundsätzlichen Staatskritik in antizionistischen Kreisen. Was man an Israel kritisiert – seine Staatsgewalt und seine Nationswerdung inklusive der nationalen Mythen – wünscht man sich für die palästinensischen Brüder und Schwestern. Staat und Nation sind im Bewusstsein der meisten Antizionist_innen nämlich Erfüllungsgehilf_innen auf dem Weg zur Emanzipation – es sei denn, sie werden von Jüdinnen und Juden in Anspruch genommen.
Ähnlich verhält es sich beim pazifistischen Antizionismus, der nach dem Motto „Wir verteidigen den Frieden bis zum letzten Israeli“ agiert. Dabei werden sowohl die Hintergründe und die Geschichte des Konflikts ignoriert. Aus der Geschichte wurden dabei unterschiedliche Schlüsse gezogen. Während es in Deutschland heißt: „Nie wieder Krieg!“, heißt es in Israel jedoch: „Nie wieder Opfer!“

Fazit: Ist Israelkritik legitim?
Der massiven Kritik an Israel entspricht die völlige Abwesenheit einer grundsätzlichen Kritik an den Palästinenser_innen und ihrer politischen Vertretungen.
Es geht nicht darum, ob man Israel kritisieren darf, sondern darum, wie man es kritisiert und warum. Antizionismus ist nicht die Kritik an dem Tun des Staates Israels, Antizionismus ist die Feindschaft und Ablehnung des Staates Israel. Jedoch verbirgt sich hinter einseitiger Kritik am Staat Israel sehr oft Antisemitismus oder antisemitische Tendenzen.
„Man muss doch heutzutage auch Kritik an Israel üben dürfen“ heißt es oft in der Diskussion über den Konflikt.
Selbstverständlich, darf mensch auch Kritik an israelischer Politik üben. Genauso wie mensch Kritik an Ruanda (für den Einmarsch im Ostkongo), Papua-Neuguinea (für die Unterdrückung der Menschen auf Bougainville) oder am Senegal (für die Unterdrückung der Menschen in Casamance) üben soll und darf.
Ist Antizionismus Antisemitismus? Nicht jede Form von Antizionismus ist auch gleich automatisch Antisemitismus. Der jüdisch-orthodoxe Antizionismus, der einen säkularen Staat Israel ablehnt, ist es beispielsweise nicht.
ABER: Die meisten Arten des Antizionismus, also der generellen Ablehnung des jüdischen Staates Israels, sind zumindest tendenziell antisemitisch. Die Übergänge zum Antisemitismus sind in der ähnlichen Struktur des Antizionismus bereits angelegt. Ebenso wie der Antisemitismus ist der Antizionismus, der Antiamerikanismus und die vereinfachte Globalisierungsgegnerschaft manichäisch, dass heißt es wird undifferenziert in Gut und Böse unterteilt.
Folgende Indikatoren zeigen, wenn aus Israelkritik ein antizionistischer Antisemitismus wird:
1. einseitige Schuldzuweisung an Israel
2. eine Täter-Opfer-Verdrehung (Israelis werden zu Nazis)
3. Messung der israelischen Politik mit anderen Maßstäben
4. Bedienung bei antisemitischen Stereotypen (z.B. in Karikaturen)
Um den Übergang von Kritik zum Antisemitismus zu verhindern, solle man laut dem Autor Martin Kloke, darauf achten die drei D’s (Dämonisierung, doppelte Standarts, Destabilisierung) zu vermeiden. Selbst wenn das unbeabsichtigt ist, aber wer Israel dämonisiert, macht sich zum Handlanger derer, die den jüdischen Staat „ausradieren“ wollen.

Antizionismus das Existenzrecht entziehen!

Mehr unter: http://www.emanzipationundfrieden.de/was_ist_antizionismus.pdf

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