zu gast bei johnny zweifel

nachdem es von mir selbst jetzt schon länger nichts mehr zu lesen gab, bleibt das auch vorerst so. dafür hat der genosse teidelbaum uns ein gedicht und einen kurzen reisebericht zukommen lassen. auch gut.

Deutsche Zustände in der Deutschen Bahn

Bahnhofs-Realitäten

Burgerkingbratduftgeschwängerte Luft
weht durch die Bahnhofshalle,
die hastig von Reisenden,
ihre Koffer schiebend oder ziehend,
auf dem Weg von hier nach dort
durcheilt wird.

An der Ecke drogendurchsuchen
übereifrige Polizeibeamte Jugendliche
mit dunkler Haut und dunklem Haar.
Aber Rassismus ist das angeblich nicht.
Hier ist Schwarzkopf keine Shampoo-Marke,
sondern ein Stigma.

Wut kommt unter den Versammelten auf,
nicht etwa wegen der Polizisten,
sondern wegen der Zehnminuten-Verspätung.
In Deutschland entzünden sich Revolten
an Unpünktlichkeit und nicht an Ungerechtigkeit.
Hier verläuft der Volkszorn in geordneten Bahnen.

Neulich fuhr ich im Zug von Tübingen nach Konstanz, um dort als Referent aufzutreten. Bahnfahrten oder Fahrten mit einer Mitfahrgelegenheit führen einem manchmal vor, welche rassistischen Realitäten in Deutschland herrschen.
Es fing in der Bahn von Horb nach Singen an. Ich lauschte einem älteren Ehepaar aus der Lausitz, wie es laut zu diversen Themen seinen Senf abgab. Von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung. Bei dem Thema Griechenland und Krise ging die Tendenz in Richtung, dass die Faulheit und Korruption der Bevölkerung das eigentliche Problem seien und die fleißigen Deutschen nun dafür bezahlen müssten. Ganz konkret wurde das aber nicht ausgesprochen, auch wenn die Richtung klar erkennbar war. Das übliche mainstreammedienkonforme und mit Ressentiments aufgeladene Halb-Wissen eben. Ich zögerte kurz, entschied mich dann aber dagegen, zu intervenieren. Offen gestanden ist meine Zeit manchmal zu kostbar, um sie an die Belehrung von Rassist_innen und Widerlegung von Vorurteilen zu verschwenden. Wenn offen Rassismus geäußert wird, interveniere ich allerdings zumeist. Das war hier aber nicht der Fall, denn die bisherigen Gesprächs-Inhalte des Ehepaars boten nichts wirklich Handfestes, auch wenn die üblichen „Südländer“-Klischees im Raum schwebten. Also setzte ich den Kopfhörer auf und hörte Musik. Gerade als ich die Ohrhörer wieder abnahm, sagte die Frau zu ihrem Mann und auch für mich deutlich vernehmbar: „Der eine hat aber böse geguckt. Ich bin froh das der weg ist. Das war ja ein halber Moslem.“ Darauf hin hab ich sie angefahren und von ihr verlangt sie solle ihren Rassismus einstellen, sonst würde ich anfangen sie anzuschreien. Ihr Mann insistierte dann auf Meinungsfreiheit („… wird man wohl noch sagen dürfen …“) und sie gab sich ganz entrüstet, denn eigentlich sei sie ganz tolerant. Ein dritter Fahrgast sprang ihnen zur Seite und beklagte halblaut, dass man seine Meinung nicht mehr offen äußern dürfe. Etwas zu sagen aber, trauten sich die drei nicht mehr. Ich gebe mich keinerlei Illusionen hin, die drei haben einfach die Klappe gehalten, weil sie von mir eingeschüchtert waren und nicht weil sie irgendetwas eingesehen hatten. Wunderheilungen klappen, was Rassismus angeht, sowieso so gut wie nie. Nun gut, mir genügte in dieser Situation das Ergebnis.

Reichlich genervt, wurde dieses Ereignis dann noch durch einen zweiten rassistischen Vorfall getoppt. Auf der Strecke von Singen nach Konstanz eilten zwei Männer in Zivilkleidung durch den Zug einem Dritten nach, hielten ihn an und verlangten seine Ausweispapiere. Der Aufgeforderte hatte eine dunklere Hautfarbe als der Rest der Menschen im Zugabteil und war offensichtlich nicht-deutscher Herkunft.
Die beiden Büttel waren aber diesmal an den Falschen geraten. Der Angesprochene kam der Aufforderung erst einmal nicht nach, sondern verlangte nun von den zwei Männern sie sollten sich zuerst einmal ihrerseits ausweisen. Die beiden waren, so stellte es sich später heraus, tatsächlich Zivilbeamte vom Grenzschutz. Offenbar erstaunt von soviel Widerspruch beharrten sie anfangs auf den Ausweispapieren und ein Streitgespräch entspann sich. Vermutlich auch, weil ihr Gegenüber recht sportlich-muskulös war und sich renitent gab, versuchten sie es nicht mit Gewalt, sondern bestanden nur mündlich auf ihrer Autorität. Zwar wiesen sich die beiden dann dem Angehaltenen gegenüber aus, aber erst nachdem dieser mehrfach vehement darauf bestanden hatte.
Ich stand irgendwann von meinem Platz auf und mischte mich ein, was einem von ihnen, besonders sauer aufstieß. Ich meinte, es wäre nur logisch, wenn sie sich zuerst ausweisen würden, weil sonst unklar sei, wer sie überhaupt seien und woher sie ihre Berechtigung beziehen würden bzw. ob ihre Behauptung, sie wären dazu legitimiert, überhaupt stimmen würde. Der eine der beiden wies mich an, ich solle mich nicht einmischen und verlangte ich solle mich setzen. Ich blieb stehen. Der Kontrollierte verlangte derweil die Namen und die Dienstnummern der Beiden, um sich später über sie beschweren zu können. Um sich die Angaben zu notieren bot ich ihm Stift und Zettel an. Als ich sie ihm übergeben wollte, fuhr mich der eine der beiden erneut an, ich solle mich raus halten und versuchte mich abzudrängen. Dabei fasste er mich auch an. Ich warnte ihn, dass er das unterlassen solle. Bis dahin, hatten sie sich mir gegenüber noch gar nicht ausgewiesen, d.h. ich war noch nicht überzeugt, es auch tatsächlich mit Beamten in Zivil zu tun zu haben. Theoretisch hätten sie dem zuerst Kontrollierten auch die Polizei-Fakeausweise aus einer Cornflakes-Packung gezeigt haben können. Ich muss mich bei so etwas erst selber versichern. Doch selbst von echten Beamten muss man sich nicht alles bieten lassen, wenn auch der Preis für Widerspruch oder gar Widerstand hoch sein kann.
Nachdem die Beamten den Anderen kontrolliert hatten, kamen sie zu mir und verlangten auch meinen Ausweis. Ich fragte nach den Gründen, sie sagten sie könnten das einfach so tun. Darauf verlangte ich von ihnen, sich erst einmal mir gegenüber auszuweisen. Widerwillig tat das einer von beiden. Ich gab ihnen meinen Personalausweis und sagte aber auch, dass ich in Konstanz vorhätte den Zug zu verlassen, weil ich dort einen Termin hätte. Die beiden meinten, sie würden dann mit mir aussteigen.
Ich gab ihnen meinen Ausweis und dem zuerst Kontrollierten gab ich meine Anschrift, um als Zeuge für seine Beschwerde zur Verfügung zu stehen.
Erneut meinte einer der beiden, ich solle mich setzen. Ich sagte, ich würde lieber stehen. In Konstanz stiegen wir zu viert aus. Auf dem Bahnsteig wurde mir dann mitgeteilt ich solle sie auf die Wache begleiten. Ich fragte nach dem Grund und einer meinte sie wollten mich dort durchsuchen. Durch mein aufmüpfiges Verhalten hatte ich sie offenbar von ihrem ersten Opfer abgelenkt und mich in den Fokus gesetzt. Sie wollten mich für das Ankratzen ihrer Autorität bestrafen. Der eine, der besonders wütend auf mich war, meinte man könne meine Einmischung auch als Widerstand gegen die Staatsgewalt interpretieren und das könne ernste Folgen haben. Ich meinte darauf zu ihm, er habe mich angefasst und nicht ich ihn. Der Andere sprang seinem Kollegen bei und meinte, sie hätten durchaus die Ausrüstung um sich durchzusetzen. Er hob seine Jacke und ließ einen Blick auf seine Dienstwaffe zu. Dann meinte der eine wieder, er würde gerne mit mir sprechen, aber hier seien wir nicht „unter uns“, ich solle mal ein paar Meter weiter mit ihnen kommen. Neben mir stand noch der zuerst Kontrollierte. Da ich mit den beiden mir bis dahin unbekannten Grenzern nichts gemeinsam hatte, wir also nicht gemeinsam Mitglied in einem Schachclub oder Fanverein waren, meinte sie offenbar mit „uns“, „wir Deutsche“.
Ich ging mit, neugierig was nun folgen würde. Sie gaben sich plötzlich viel versöhnlicher. Ich wüsste ja gar nicht, wer das sei den sie da kontrolliert hätten und ich hätte mich einfach so eingemischt. Sie wussten es freilich auch nicht, bis sie ihn kontrollierten. Aber offenbar war er für sie viel eher ein potenzieller Straftäter als ich, da ich normal-bürgerlich, unverzeckt aussah und von ihnen offenbar als „Deutsch“ definiert wurde – dem Pass nach war ich es auch, meiner Überzeugung nach bin ich es nicht. So glaubten sie an einen Irrtum meinerseits. Sie versuchten mich zu einer Zustimmung zu bewegen, dass sie sich richtig verhalten hätten. Also quasi entweder sagen, sie seien im Recht gewesen oder mit zur Wache. Ich meinte, es hätte keinen Wert wenn dieses Zugeständnis erzwungen sei. Mehr sagte ich dann aber nicht. Ich verkniff mir zu sagen, dass ich ihr Verhalten und den „unter uns“-Kommentar für rassistisch hielt, obwohl es mir auf der Zunge lag. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mich bei weiteren Widerworten tatsächlich auf die Wache mitgenommen hätten. Dadurch hätte ich meinen Vortrag nicht halten können und eine Überprüfung meiner Daten hätte auch zutage gefördert, dass ich nicht immer der vorbildliche Staatsbürger gewesen bin, was meine Situation wiederum nicht erleichtert hätte.
Der zuerst Kontrollierte hatte die rassistische Auswahl übrigens durchaus erkannt und die Beiden schon im Zug gefragt, wie viele Blonde sie denn schon kontrolliert hätten. Inzwischen war die Person aufgetaucht, die mich vom Bahnhof abholen sollte, und mit einer Warnung ließen mich die Beamten schließlich gehen.

Generell war ich diesmal mit meinem eigenem Verhalten im Rückblick relativ zufrieden. Das ist leider nicht immer so. In Vergangenheit habe ich, wenn niemand direkt beleidigt wurde, auch schon mal geschwiegen. Das war sicherlich falsch, aber ich habe manchmal einfach keinen Bock und keine Zeit auf ein fruchtloses Streitgespräch.
In einigen Fällen hielten mich auch die Kräfteverhältnisse von einer Intervention ab. Dann ist es mir einfach zu gefährlich, was zu sagen. Ich saß z.B. einmal allein mit einer Horde furchteinflößender BVB-Hooligans im Zug-Abteil, die anfingen sich gegenseitig richtig eklige rassistische und sexistische Witze zu erzählen. Da bin ich gegangen, hab aber nichts gesagt. Die hätten mich mit aller Wahrscheinlichkeit zusammengeschlagen.

Im Umgang mit der Staatsgewalt muss man sich nicht immer alles bieten und gefallen lassen, sollte aber nicht vergessen das man generell den Kürzeren zieht. Fast jede Dienstaufsichtsbeschwerde versandet, auf der Straße hilft fast niemand einem bei Problemen mit der Polizei und man hat im ungünstigsten Fall diverse Kosten zu tragen (Geldstrafe etc.). Teilweise kann man darauf bauen, dass die Beamten aus Gründen der Faulheit keinen Bock haben sich mit einem zu beschäftigen, aber darauf verlassen sollte man sich darauf besser nicht. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich mit Beamten angelegt hatte. Aus früheren Erfahren lässt sich auch sagen, dass eine möglichst offiziell (= akademisch) klingende Sprache und das Beharren auf Name und/oder Dienstnummer manchmal hilfreich sein können. Dadurch wird den Polizist_innen nämlich oft klar gemacht, dass das Gegenüber nicht einfach so mit sich umspringen lässt.

Alltägliche Repression und Schikane durch die Polizei sind in der politischen Linken leider viel zu wenig Thema. Eine Kritik am so genannten „racial profiling“, also dem rassistischen Polizei-Verhalten, gibt es hierzulande kaum.
Das hat vermutlich auch seine Ursache darin, dass die weiße und akademisch geprägte Linke in Deutschland selber kaum davon betroffen ist.

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