HEISSGLUT, WEIßBROT, PRANKENSTARRE

Die Choreographie des Chaos ist hinreichend erprobt, als sie zu ihrer Aufführung kommt: Das simple Augenverdrehen, das den Weltschmerz und seine Enttäuschung zum Ausdruck bringt, bekommt einen großen Bruder, der sich seiner Umwelt als groß angelegter Flächenbrand präsentiert. Nur einen Monat später durchläuft man innerhalb weniger Stunden Gefühlszustände, die schließlich im emotionalen Supergau enden wollen.

DRAHTSEILAKT DES VERSTANDES

Über den Misanthropen habe ich schon zur Genüge geschrieben, wohl wissend, dass sich dessen Menschenhass meist aus Hass gegen sich selbst nährt. Aber nur weil ich weiß, dass ich bestimmte Dinge im Leben anders angehen müsste, anders angehen könnte, wenn ich mit anderen Menschen klarkommen und positiv umgehen möchte, und nur weil ich weiß wo in diesem Punkt meine Schwächen liegen, mich ändern könnte, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch umsetzen kann. Nicht zuletzt deshalb wäre man zuweilen gern jemand anderes. Nicht zwingend jemand, dem es besser ginge im Sinne von höherer Herkunft oder sicherer ökonomischer Stellung. Wohl eher jemand, der nicht all diese Macken und Kanten im Charakter und in der Psyche hätte wie man selbst. Da ist es dann auch egal, ob diese Identität eventuell ein geistig kleines Licht wäre: Beispielsweise eine Friseuse mit blondiertem Haar, einem Kanten von Freund mit tiefer gelegtem Golf und einem Lebensanspruch von Fressen, Ficken, Fernsehen. Es könnte das Leben um einiges einfacher machen: Mal nicht so viel nachdenken, das kleine Glück zelebrieren, CDU wählen und froh darüber sein, wenn das Geld am Monatsende auch noch für die nächste Kaltwelle und den zwanzigsten Spoiler reicht. Frei von unnützem Wissen über die ganzen Sachen, die einfach scheiße und ungerecht sind auf dieser Welt. Naiv und stumpf durchs Leben ziehen. Wäre das schön! Yeah ich bin genormt! Bisweilen hat man es echt satt, neben der Spur zu laufen. Und dann fängt man an sich dafür zu hassen, wie man ist. Doch letztlich ist man nicht selbst pervers und abnormal, sondern die Welt in der man lebt. Dabei ist sie nur ein Sammelsurium von tradierten und nicht mehr hinterfragten Normen, Werten und Rollenklischees. Einzig in Frage gestellt durch ein paar schillernde schwarze Schafe, die in die falsche Richtung laufen. Manchmal, in stillen Momenten, werden diese Schafe dann müde und hassen sich für ihr schwarzes Fell. Oder auch nicht. Denn Hass ist heute nicht mehr als eine marktrelevante Option der Sinnstiftung. Ein Systempfeiler, sukzessive domestiziert. Hass, die Überbleibsel deiner einstmaligen früheren Hauer baden heute in Kukident!

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1 Antwort auf „HEISSGLUT, WEIßBROT, PRANKENSTARRE“


  1. 1 Pöbelmacker 11. Dezember 2014 um 13:50 Uhr
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