Ein Leben wie in Technicolor



„Kennst du dieses Gefühl der Nichtexistenz?“, fragte sie mich und blies sich eine fettige Strähne aus dem Gesicht, welche zurückpendelte und wie eine Spaghetti an ihrem Ausgangspunkt kleben blieb, „das Gefühl, dass vielleicht alles gar nicht real ist, weder der Sessel auf dem ich sitze, noch der Tisch zwischen uns?“ Ihr Blick schweifte kurz auf das ausgefranste Möbelstück, beide Hände ruhten flach neben ihr, sahen irgendwie deplatziert aus, als würden sie nicht zu ihr gehören; zwei unnütze Gegenstände im Raum.
Die Sonne leuchtete orange durch das matte Fenster, gebrochen und reflektiert von den leeren Flaschen am Boden, an der Wand ein kleiner Spektral-Regenbogen.
„Irgendetwas stimmt nicht,“ fuhr sie fort „dessen bin ich mir sicher. Vielleicht bin ich längst schon gestorben und das ist meine maßgeschneiderte Hölle, meine Isolationshaft, in der sich Wiederholung und Belanglosigkeit die Klinke in die Hand geben. Vielleicht bin ich dazu verdammt, vor einem lachenden Publikum, die selben Fehler immer und immer wieder zu begehen. Vielleicht befinde ich mich auch in einem Paralleluniversum zu meinem eigentlichen Dasein, in dem ich die richtigen Entscheidungen im richtigen Moment treffe, beispielsweise einfach in einen haltenden Bus steige, irgendwohin fahre, ausbreche; raus aus dieser Einöde.“ Sie klaubte sich eine Zigarette aus der Schachtel, die sie auf die Armlehne gelegt hatte.
Das Aufblitzen des Feuerzeugs erhellte für einen kurzen Moment ihr Gesicht, auf dem die Schatten zu tanzen begannen. Die Furchen, die das Leben unter ihre Augen trieb, ließen sie nur noch schöner wirken.
Als könnte sie meine Gedanken hören, verdunkelte sich ihre Miene erneut.
„Ich habe keine Angst vor dem Sterben, eher vor dem Leben. Wie in einer Seifenblase schwebe ich durch den Tag, unsichtbar, die Eingefahrenheit der Menschen will mich verstummen, an dem Treiben nicht teilnehmen lassen. Alles scheint so determiniert, als wären wir nichts weiter als Tiere, die sich dessen bewusst sind und genau daran scheitern. Erst heute saß ich im Bus und ich war mir sicher, exakt diese aufgeschnappten Gespräche so schon einmal gehört zu haben. Denkst du, auch die Musik wird irgendwann einmal an dem Punkt angelangt sein, wo die Töne und ihre Kombinationen erschöpft sind?“ Es fiel mir schwer zu sprechen. Sie stand auf, schwebte durch den Raum zu mir, steckte mir die Zigarette zwischen die Lippen. Ich zog zwei mal daran. Mein Husten vertrieb eine Taube vom Fenster, Blut sammelte sich in meinem Mund; zu viel! Ein feines Rinnsal bildete sich, tropfte vom Kinn auf die Hose, vermischte sich mit dem anderen Blut, welches bereits bräunlich eintrocknete.
„Ja,“ nahm sie den Faden wieder auf, während sie sich geräuschvoll in den Sessel plumpsen ließ „es gibt nur wenige Wege, dem allem zu entkommen. Wenn sich erst einmal das Bewusstsein um dieses irreale Dasein festgesetzt hat, gibt es kein Zurück mehr. Das Ich strebt weiter hinter die Kulisse, will verstehen, dem ganzen Spuk entkommen, die Scheiße von oben betrachten oder vergessen.“ Für einen kurzen Moment gingen ihre Worte verloren, flogen ziellos durch den Raum. Ich sah, wie ihr Mund sich bewegte, hörte die Töne aus ihr herauspurzeln aber sie drangen nicht zu mir durch. Mein Blick verengte sich, schwarze Ränder schoben sich von der Seite meines Bildausschnittes heran. Ich schüttelte die drohende Ohnmachte von mir. Ihre Worte waren wieder klar zu vernehmen: „Die Menschen werden immer älter, heißt es, werden von der Medizin künstlich am Leben erhalten, um das Leiden länger auskosten zu dürfen, um Zeugen sein zu können, wie Gehirnzelle um Gehirnzelle unwiederbringlich ausgeknipst wird. Vor uns gähnende Leere, hinter uns auch. Das Nichts ist für die Ewigkeit, unser Dasein ein müder Furz im Strom der Zeit. Schon klar, aber es ist etwas anderes. Eine Truman-Show ohne Sinn, Ausgang oder Abschiedswinken. Kein Entkommen. Oder was denkst du?“ Wieder bemühte ich mich um eine Antwort. Satttdessen blubberten rote Bläschen aus meinem Mund, ließen mich innehalten. Ich muss ausgesehen haben, wie ein Kind, das das Schokocreme-Versteck fand, als die Schatten aus meinen Augenwinkeln wieder auftauchten, sich wie zwei schwarze Wände auf mich zuschoben, mich in den Schlaf wiegten.
Wie sie die Beine in die andere Richtung übereinanderschlug und sich eine neue Zigarette fischte, bekam ich schon nicht mehr mit.

View on YouTube

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

2 Antworten auf „Ein Leben wie in Technicolor“


  1. 1 Pöff 03. Mai 2015 um 13:55 Uhr

    ich war gefesselt von der Geschichte und die Musik dazu find ich sehr schön und sehr einfach…bischen Meinung, bittesehr

  2. 2 Pöbelmacker 06. Mai 2015 um 9:30 Uhr

    dankesehr, ich bin beröhrt

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.