Ein Leben wie in Technicolor (2)


1

Der Himmel sah bereits aus wie ein von innen beleuchtetes Hirn, als sie die Augen öffnete.
Weder bemerkte sie, wie die Schatten länger wurden noch wie das Blut ihre Füße wie zwei Felsen umspülte und kryptische Schriftzeichen auf den Boden malte. Ihr Blick fiel auf die abgebrannte Zigarette zwischen ihren Fingern. Die Asche war noch am Stück. Herzlich willkommen im Land der Raketenwürmer blitzte bei dem Anblick durch ihren Kopf und ließ sie müde lächeln.
Sie betrachtete ihren Gegenüber. Sein Kopf war auf die Brust gesunken, war die Quelle des roten Stromes, welcher schon durch das halbe Zimmer reichte.Wie er so da saß, sah er aus wie ein zu groß geratenes Baby, das nach einem anstrengenden Kotzanfall bei Tisch einschlief. Friedlich auf seine Art.
Erst jetzt fiel ihr das Bild an der Wand hinter ihm auf. Als hätte er den Ausstellungsdruck, den es zum Rahmen gab, drin gelassen. 2 Segelschiffe auf hoher See.
Fast schon wollte er ihr leid tun, aber das letzte was sie aus seinen Augen zu lesen glaubte, war Vertrauen. Sie hatte so etwas noch nie zuvor erlebt. Er muss sehr einsam gewesen sein, klammerte sich bis zu letzt an den Strohhalm, welchen er glaubte in ihr gefunden zu haben.
Sie griff sich eine neue Zigarette, erhob sich und öffnete ein Fenster. Der Wind schnitt scharf durch das Zimmer. Die sich ausbreitende Kälte war ihr bester Komplize. Es würde Wochen dauern, bis den Nachbarn auffallen würde, dass sie den ruhigen jungen Mann aus der 12 schon lange nicht mehr sahen. Ohne weiter nachforschen zu müssen, war ihr bewusst, dass es niemanden in seinem Leben gab, der ihn vermissen würde. Ein in der Anonymität der Hochhaussiedlung Gestrandeter, der keine Spuren im leben hinterließ.
Fast schon beneidete sie ihn darum, diesen hässlichen Klotz von Mann, wie er ungestreift durch dieses Dasein kam und zu guter Letzt noch einen Funken dessen erahnen durfte, was er immer zu finden erhoffte. Ekel stieg in ihr auf. Hektisch griff sie sich ihren Mantel, machte dass sie wegkam. Das Leben war noch nie zuhause in dieser Wohnung.

Erst vor der Tür erlaubte sie sich wieder zu atmen, sog gierig die kalte Nachtluft ein, fühlte sich besser. Etwas hatte sich verändert. Es war nicht mehr dasselbe. Die Befriedigung, das wusste sie bereits jetzt, würde nicht so lange anhalten wie sonst. Es konnte nicht nur daran liegen, dass dieses mal das Spiel mitgespielt wurde, sich jemand vertrauensvoll bis zuletzt zeigte. Das war es nicht, sie tötete nicht, um flehende Gesichter, um Gnade winzelnde Münder und brechende Augen zu sehen. Sie sah das immer als notwendiges Übel, als Stein auf ihrem Weg, nicht als Kitzel. Es musste etwas anderes sein, das ihr Diner zur Happy Meal werden ließ.

Ihr Auto stand ein paar Straße weiter, die Scheiben bereits zugefroren. Jemand hatte ein Herz auf ihre Windschutzscheibe gemalt. Und weil sie keine mehr haben, malen sie welche. Dieser Planet war nicht der ihre. Alle reden sie von der Liebe, verstehen nichts davon. Irgendwo hatte sie mal gelesen, das Gegenteil der Liebe wäre nicht der Hass, sondern die Gewöhnung und dass Liebe und Hass ihren Ursprung in der selben Hirnregion haben. Alles Mist, so etwas wie Liebe existiert nicht. Die Lust gibt es, die Leidenschaft vielleicht aber nicht die Liebe. Es würde sie nicht wundern, wenn sie irgendwann in der Zeitung lesen würde: „Hey Leute, es war alles nur ein Spaß, die Liebe ist eine Erfindung der Blumenverkäufer und eigentlich sowieso von den Nazis“
Langsam gleitete ihr Auto durch die verschneiten Straßen. Anhand der komisch blinkenden Ampelkreisel oder wie diese Dinger auch immer heißen mögen, die man in die Fenster hängt, erkannte sie, dass es pfeilschnell gen Weihnachten zuging. An den Weihnachtsmann glauben die Menschen längst nicht mehr, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Illusion der Liebe auch dran kommt. Auf den Bussen wird dann nicht mehr „Probably there is no god“ sondern „Probably there is no love“ stehen. Die Menschen spüren es bereits, fragen sich immer wieder auf’s Neue, was diese Person neben ihnen im Bett verloren hat, wieso sie es erdulden, dass jemand jeden Morgen den Kaffee kalt werden lässt, ihren Joghurt wegfrisst und die Bude mit Qualm vollstinkt. Sie machte sich da jedoch keine Sorgen, Fatalisten fand sie zum Schießen, nein, dies ist vielleicht der richtige Weg zum Menschssein, die Reise zum Mittelpunkt der Wahrheit.
Als sie den Gedanken zu Ende dachte, beschleunigte sie, ließ ihren Wagen um die Kurven driften, fühlte sich befreit, selbst von der Befriedigung, der tiefen Trance, welche ihren Körper immer noch zwischen Beben und vollständiger Entspannung gefangen hielt.

Sie fuhr noch ein Weile ziel- und planlos durch die Nacht, genoss die freien Straßen. Die Stadt wirkte wie verlassen. Anscheinend hatte sie die Zeit erwischt, in der die Bars schlossen, die Nachtschwärmer in irgendwelchen Betten landeten, die Busse noch nicht wieder begannen zu fahren. Diese Minuten sind magisch, die wirkliche Reibefläche zwischen Tag und Nacht, die wahre Geisterstunde.

2

3 Wochen vergingen. Sie lebte, als würde sie durch Sirup schwimmen, stand meistens erst tief in der Nacht auf, schlenderte durch die Stadt. Sie mochte die Reklame-Schilder,welche eine Wärme suggerieren, wo keine ist, die Umgebung in ihr Neon-Licht hüllen. Gerne verbrachte sie ihre Stunden auch in einem der vielen Pornokinos.
Sie mochte den Anblick von überlebensgroßen Geschlechtsteilen auf der Leinwand, liebte es unter diesen einsamen Menschen zu sitzen. Anfangs schnappte sie sich die Kerle direkt von den Sesseln weg, war jedoch schnell gelangweilt von ihnen und teilweise schockiert.
Dann begann sie die Atmosphäre in den Kinos zu schätzen, den widerlichen Geruch nach eingetrocknetem Sperma, den giftig-sauren Schweiß, der in den Polstern hängt. Sie mochte die absurde Lautstärke der Filme, das monotone, raßende Klatschen der Körper welche auf der Leindwand aufeinander prallten. Nirgendwo sonst wurde sie so in Ruhe gelassen wie dort.
Die Kinos waren ihre Refugien.

Heute aber mied sie die Kinos, beachtete auch die Reklame kaum. Sie war auf der Suche, pirschte durch die Straßen, bis sie vor ihrem Ziel stand. Ein stickiger Club, wie es sie in in dieser Stadt in Masse gab. Vor der Tür drängelten sich die Menschen. Die Türsteher waren nur dazu da, eine Exklusivität der Lokation herbei zu halluzinieren und um das Geld einzukassieren. Sie stellte sich in die Reihe, zündete sich eine Zigarette an, betrachtete die Menschen um sie herum.
Schnell war ihr klar, dass es sich um eine der typischen Indie-Kneipen handeln musste. Neben vor und hinter ihr das typische Klientel, hauptsächlich Studenten, deren Einzigartigkeit sich in ihrem Konsumverhalten ausdrückt. Vor ihrem inneren Auge sah sie die Playlist des Djs und es schauderte sie. Früher besuchte sie auch solche Clubs, war eins von den vielen Mädchen, die jetzt vor ihr in der Reihe standen, sich stundenlang auf den Abend vorbereiteten als ging ’s darum die Welt zu retten und dabei noch gut auszusehen. Was machte sie hier?

Eigentlich mochte sie Musik. Sehr sogar. Bis sie irgendwann feststellte, dass Musik von Menschen gemacht wird. Sie fand mehr Wahrheit in den Kinos als in einem Song. Musik ist kein Mittel, um sich auszudrücken, sondern nur eine weitere Leinwand, auf der man sich entwirft, Ausdruck dessen, was sein soll, wie man sich selbst gerne hätte, ein weiteres Stützrad der eigenen Existenz und Wahrnehmung.
Musik ist so wahrhaft wie ein Profil auf einem der vielen sozialen Netzwerke. Sie versuchte die aufkommende Übelkeit runterzuschlucken, daran zu denken, weswegen sie hier war, die Gefühle heraufzubeschwören, wegen denen sie das alles machte. Sie rückte näher auf das Hämmern der Bässe zu und sollte rechtbehalten. Einer der Songs, welche sie vor ihrem inneren Auge sah, wurde gespielt.
Aber irgendwie beruhigte sie sich dadurch doch, die Berechenbarkeit gab ihr Sicherheit.

Der Türsteher war ein offensichtlicher Hohlkopf und auf Speed. Die Taschen voller Kaugummis, welche er in rasender Geschwindigkeit zermalmte, um nicht aufzufallen. Sie bezahlte, quetschte sich durch hysterische Gruppen, die ihr Glück nicht fassen konnten, hereingelassen zu werden. Die Bar war schnell gefunden. Nun musste sie sich nur setzten und warten. Die Musik, die auch aus den Boxen über der Bar kam entsprach immer noch der, die sie erwartet hatte.
Sie schaute sich um, sah den DJ, welcher tatsächlich auch nicht so wirkte, als hätte er Freude an all dem. Wahrscheinlich wurde ihm irgendwann unterbreitet, dass er sich halt doch als Jukebox fühlen soll, wenn er weiterhin auflegen wolle, dass er ein willenloses Instrument der Publikumswünsche zu sein hat. Er glotzte hohläugig auf den CD-Player.
Keine halbe Stunde verging, bis der Typ neben ihr sich zu ihr drehte und fragte ob sie denn öfters hier wäre, denn er hatte sie nie zuvor gesehen. Sie setzte ihr schönstes lächeln auf, drehte sich ein Stück, um ihn näher betrachten zu können. Lange Haare, ganz in schwarz, ausgefranste Jeans, nicht unattraktiv. Heute entschied sie sich für Bio-Chemie als Studienfach, denn dies war meistens die zweite Frage. Das Gespräch kam schnell ins Rollen. Es stellte sich raus, dass er ein Kumpel des Djs war. Ach! Das Gespräch amüsierte sie. Es bereitete ihr Vergnügen wie sehr ihr Gegenüber darauf bedacht war, immer wieder mal seine Tätowierungen aufblitzen zu lassen, wie er darauf achtete, sich mit seinen Plänen des Urban Gardenings und den Polit-Slogans, die er mal aufgeschnappt hatte, ins rechte Licht zu rücken. Ein Kerl wie ein T-Shirt von H&M. Es war ihr egal. Normalerweiße vergingen vier Wochen, bis sie wieder losziehen musste, bis sie wieder auffrischen musste. Dieses mal waren es drei und selbst die Kinos konnten sie nicht beruhigen. Warum sich also nicht einen Burger zwischen den Mahlzeiten genehmigen? Trotz Allem wurde sie schnell gelangweilt durch das Gespräch, brachte den Stein etwas schneller ins Rollen, legte immer wieder ihre Hand auf sein Knie. Vielleicht eine weitere halbe Stunde verging, bis sie in seinem Auto saßen, sich küssten. Am Spiegel baumelte ein Bild Bob Marleys in einer stilisierten Afrika-Karte, aus den Boxen Townes Van Zandt.
Sie spürte die kalte Härte des Chloroform-Fläschchens in ihrer Tasche, die Kanten der Box mit den Skalpellen, als Townes sang “Almost burned out my eyes
Threw my ears down to the floor. I didn‘t see nothin I didn‘t hear nothin‘“

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