Rituale

Manchmal, wenn ich mein Zimmer verlasse, generell wieder etwas entrückt bin, tagelang das Außen nur durch die Fenster meines Aquariums erahnen konnte, fühle ich mich wie ein Astronaut, der die Druckkammer verlässt und gravitätisch verwettert in eine unbekannte Welt schwebt, die den Weg über die Sinne in mein Gehirn kaum überschreitet, sich irgendwo im Synapsennirgendwo verliert, ziellos durch meinen Kopf blitzt, völlig unverarbeitet.
Meine Glieder wie aus Stein, kaum beanspruchte Anhängsel, irgendwie deplatziert.
Wo ich wohne, endet die Straße und verliert sich im Nichts. Der Bus kehrt dort um, als gäbe es unaussprechliche Schrecken zu vermeiden. Seine Hydraulik schnaubt ungeduldig vor sich hin, einem Drachen gleich, der sich hungrig durch die Straßen schiebt und von Menschen ernährt.
Man könnte meinen, die Anwesenheit Anderer würde alles besser machen aber weit gefehlt. Der Studentenslang, welcher sich gerne mal in affektiert in die Länge gezogenen Sätzen äußert, stößt meine Entfremdung ins Bodenlose, erinnert mich eher an „Sie Leben“ und „die Körperfreser kommen“ als an irgendeine Form der sozialen Interaktion.
Mir gegenüber sitzt ein Jemand mit Schiebermütze, Kinnbärtchen und verträumtem Blick in einem Buch. Es ist fraglich, ob er liest oder nur gerne dabei gesehen würde. So kurz die Wege zwischen dem Geschichtenonkel mit den Kriegsverletzungen, diesem schöngeistigen Novalis und dem Proll mit seinem tiefergelegten BMW. Nur schwer kann ich den Ekel herunterschlucken, mich selbst auf den Boden zurück holen. Immer mühsamer wird es, meinen Kopf durch die dicker werdende Membran der Blase zu drücken, die mich umgibt. Seltener werden die Momente von Glück, die mich erahnen lassen, was es heißt, Teil von etwas zu sein. Überheblichkeit ist der Schild der Einsamen.
Ich versuche mir ins Gedächtnis zu rufen, dass mein Leben keinesfalls spezieller ist als das der „anderen“. Auch weiß ich nicht, was ich beschissener finden will, Adaption oder Exklusion… Nur eins ist sicher, die Gewinner gewinnen immer.
Aber statt mir den Kopf an der Scheibe blutig zu schlagen, jemanden grundlos wirr anzubrüllen, steige ich an der selben Stelle aus wie jeden Tag, zünde mir die gewohnte Zigarette an, hole mir einen Kaffee beim Bäcker, setze mich auf den gleichen Platz wie immer und fühle mich unfassbar progressiv.


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