WILLKOMMENSKULTUR ? – Ein Gastpöbel von „Emm“

Hierzulande sind von der CDU bis zu den Grünen alle einer Meinung:

Jene Flüchtlinge, die unsere Hilfe wirklich nötig haben sind natürlich willkommen, aber nur wenn sie sich benehmen.
In unserem behaglichen Tübingen bekommt jeder Glückliche, der nicht an den Schnittwunden des Europäischen Stacheldrahts verblutet ist, eine Einladung zu einer Willkommensfeier, bei der Boris jedem Flüchtling einmal auf die Schulter klopft um aller Welt zu zeigen wie offen und vielfältig unsere Stadt ist. Generell etabliert sich der Trend des gegenseitigen „Schulterklopfens“ stark, da gewiss jedem das Gefühl ein hilfsbereiter und guter Mensch zu sein schmeckt. In dem Gefühl moralischer Unantastbarkeit lebt es sich natürlich viel unbefangener.

Dass nur jenen Asyl gewährt wird, die vor Versklavung, Krieg und dem sicheren Tod geflohen sind, ist in deutschen Augen total fair, da der Hilfsbereitschaft auch Grenzen gesetzt werden muss. Ansonsten lässt sichs nicht mehr so stolz auf die Schulter klopfen, da die Dankbarkeit von „Wirtschaftsflüchtlingen“ ja bekanntlich nur halb so groß ist, wie von denen, die Hilfe „wirklich“ nötig haben.
Aber der Boris ist halt auch nur ein Mensch, der von der vielen Schulterklopferei irgendwann blaue Flecken und Handgelenkschmerzen bekommt.
Deswegen weht aus dem grünen Helferbund nun ein ganz anderer Wind, als jener, der auf Willkommens-Veranstaltungen für Gänsehaut sorgt.
Wen man auch fragt, egal ob Landratsamt, Sozialarbeiter oder Hausmeister von Flüchtlingsheimen, überall bekommt man zu hören, dass man überlastet sei und sich alle Flüchtlinge konstant beschweren würden.
Und es stimmt.
Die Zustände, in denen die Flüchtlinge hier leben sind teilweise alarmierend und entwürdigend, angefangen bei der Grundversorgung mit Essen und Wohnraum, bis hin zum Geld für Schulbücher und Anfahrtskosten.

Ebenfalls ist die Belastung für Sozialarbeiter und für viele andere, die in diesem Bereich arbeiten, eine Zumutung.
An dieser Stelle findet jedoch eine sehr ekelhafte Verdrehung von Wirkung und Ursache statt. Die Ursache für das ganze Schlamassel ist für Viele nicht etwa bei den mangelnden Geldern, sondern bei der Anzahl der Flüchtlinge zu finden. Ist ja auch klar.
Wenn irgendwann jeder zehnte, den man in der Stadt sieht dunkle Haut hat, wird’s plötzlich ganz unbehaglich in einem Kopf voller Klischees und der Überzeugung, dass uns Deutschen das Geld deswegen anderorts fehlt.
Irgendwann muss doch auch Schluss sein mit der Heldenhaftigkeit!

Also hüpft unser werter Boris im Namen der besorgten Tübinger kurz mal von der Retter- in die Opferrolle und presst ein bis zwei Krokodilstränen heraus, mit den Worten: „Wir schaffen das nicht!“ und fordert auf dessen Grundlage eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen und mehr Abschiebungen, anstatt mehr Druck beim Staat für einen Zuschuss an Geldern zu machen.
Das Bild vom Flüchtling als Made im deutschen Speck wächst.

Was aber oft vergessen wird, ist dass wir im Westen nicht die Guten in diesem Szenario sind. Im Gegenteil.
Was sind die Gründe für die Flucht dieser Menschen?
Die Gründe sind Krieg, Misshandlung, politische Verfolgung, Versklavung, Krankheit, Armut. All diese Faktoren sind nicht zuletzt Folgen einer bewusst fehlgesteuerten Weltpolitik des Westens.
Wären die dort unten auch nur im Ansatz so wohlhabend und wirtschaftsstark wie wir hier oben, dann würde unser dekadenter Lebensstil bald der Vergangenheit angehören. Woher bekommt man sonst derart billig Ressourcen wie Erdöl, Gold, Diamanten, Metallerze etc.? Wo sonst gibt es Standorte, in denen westliche Unternehmen, wie deutsche Chemiekonzerne und die europäische Fleischindustrie, auf Kosten der Menschen und der Umwelt so richtig Profit machen können?

Selber schuld, wenn afrikanische Staaten das zulassen?

Nein, denn afrikanische Länder unterliegen dem Konkurrenzdruck der Weltwirtschaft und sind somit zu einer hyperliberalen Wirtschaftspolitik gezwungen. Und es hört nicht damit auf, dass Industrieländer durch wirtschaftliche Ungerechtigkeit fruchtbaren Boden für systematische Unterdrückung durch Monarchen, Diktatoren und Bürgerkriege bieten.
Nein, sie werfen auch die Saat.

Allein Deutschland verkaufte 2014 bis Mitte 2015 Rüstungsgüter im Wert von 12,87 Milliarden Euro, unter anderem an afrikanische Staaten, deren Machthaber mit jenen deutschen Waffen in diesem Moment die Bevölkerung unterdrücken, misshandeln und töten.

Und nun inszenieren sich Kartoffeln wie Boris als die Retter dieser Welt um die offensichtliche Täterrolle westlicher Staaten zu verschleiern!
Willkommen in Deutschland!

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