Endlich wieder Krieg

Subkultur, Szene, Weltmusik – will man mir innerhalb von Sekunden die Kotze aus dem Leib kitzeln, kann das wunderbar mit gebetsmühlen-artiger Wiederholung eben jener drei Begriffe passieren.
Ich liebe Musik und vor Allem die, die unter dem Radar stattfindet, also versteht mich im Folgenden nicht falsch…
So sehr sich die Pop-Musik-Geschichte auf den destillierten Satz „Babe I love you so, please don‘t go“ wohl doch irgendwie reduzieren lässt, so sehr ist sie manchmal leider auch ein Mikro-Schlachtfeld, auf dem die immer gleichen Kriege ausgetragen wurden und werden…
Eigentlich mühselig überhaupt über so etwas nachzudenken, geschweige denn zu schreiben, weil das Alles in den Bereich der Luxusproblemchen der postmodernen, priviligiert, gelangweilten Teenager-Welt fällt („Here i am now, entertain me“) – ich weiß ja.
Trotzdem ist es etwas, über das ich mich einfach mal erdreiste zu schreiben, weil ’s passiert, wenn auch nicht mehr in der gleichen Vehemenz wie in den vergangeneren Jahrzehnten…
Popper gegen Punks gegen Rocker gegen Metaller gegen Goanauten gegen Emos und alle gegen den undefinierbarsten und mächtigsten aller Feinde, den Hipster.
So weit so panne… Keine Sorge, dies ist mitnichten der Aufruf zum großen Gruppenkuscheln, nein!! Auch ist viel Hass und Hetze dann doch an eine inhaltliche Kritik gebunden, die ganz bestimmt nicht überwunden sein soll. Aluhutträger, Tough Guys, Musikfaschisten, raumeinnehmende Ausdruckstänzer, Weltkriegsuniformierte und und und…
Einigen kann man sich gerade mal noch (und das leider auch nicht immer) bei einem recht undefinierten Hass gegen Nazis und der Liebe zu Rauschmitteln. Da hören die Gemeinsamkeiten dann aber auch schnell mal auf… Alles halb so schlimm, könnte man berechtigterweiße meinen und die Energie in wichtigere Bereiche lenken. Aber so lange ist es auch wieder nicht her, dass sich in Mexiko Punks, Rocker und Metaller zur gemeinsamen Jagd auf den damaligen Hipster, die Emos verabredeten… Von staatlichen Repressionen und „Erziehungsmaßnahmen“ will ich da mal gar nicht anfangen… What the heck?? Klar, kann man prinzipielle Kritik daran üben, dass erst eine solche Welt, wie sie die kapitalistische nun mal ist, eine Basis dafür schuf, sich mit dem, was man konsumiert zu identifizieren usw. aber ist es die Musik, die man schön findet, ernsthaft wert, sich gegenseitig die Rüben dafür einzuschlagen? „Ich bin bereit für den Metal zu sterben“ skandierte MANOWAR im aus-dem-Ruder-gelaufenen Interview für das „Rock Hard“ und ja, das wurde auch so gemeint. Stellt euch mal den pickeligen herawachsenden Metaller vor, der gerade im Keller seiner Eltern auf so eine Aussage stößt, während er voller Stolz den ersten Patch auf seine Kutte näht, akkustisch untermalt vom Kettensägengekreische einer Band mit unleserlichem Namen … Logisch, cool, endlich eine Mission: „Tod den Ungläubigen“.
Was Jihadisten und andere religiösen Spinners schaffen, schafft „die Szene“ schon lange, Leute für ihre Sache zu gewinnen und nicht selten in ihrer Haltung zu dieser und der Welt außerhalb auf absonderliche Weise zu radikalisieren; und nein, es gibt sie nicht, die geheimen Strippenzieher, die Puppenspieler der Szene, welche im Hintergrund schalten, walten und die Feindbilder schaffen – in diese gedankliche Falle sollte man nicht stolpern. Aber es gibt Meinungen, ausgesprochen von einzelnen, weitergetragen von den sozialen Netzwerken, die zu Ausuferungen wie in Mexiko führen können.
Lest euch „Please Kill Me“ und „Verschwende Deine Jugend“ durch… In den achtzigern wurde nicht lange gefackelt, wenn es um die Musik-Szene ging, fragt die älteren Semster doch mal nach den Straßenschlachten und Strand-Kriegen, die aufgrund der präferierten Musik ausgetragen wurden…
Ernsthaft, wer will so was?? Es kann durchaus schön sein, sich in Interessenverbänden, vor allem in musikalischen zu bewegen und aktiv zu sein, aber bitte bitte verwechselt Kritik nicht mit bloßem Hass, Neid oder sonstigem, akzeptiert, dass es in dieser Hinsicht nicht die eine, ultimative Wahrheit gibt, die auf bester missionarischer Art und Weise durchgedrückt sein will… Es geht schlussendlich dorch irgendwie einfach nur um Spaß bei Musik. Was Rosa Luxemburg über die Freiheit schrieb, passt auch hier wunderbar:
„Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei -mögen sie noch so zahlreich sein- ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur Freiheit des anders denkenden“
Ok, ja, vielleicht über das Ziel hinaus geschossen, vielleicht werde ich jetzt auch als Hippie verlacht, als derjenige, der einem kritik-freien Weltethos hinterher-hechelt, aber dann ist mir das auch einfach mal Wurscht… Musik ist, wenn der Verstand flöten geht!!!

„Und um der schieren Aufmerksamkeit willen, die sich bei jeder Extravaganz leicht einstellt, verfallen Jugendliche darauf, ihre Kleidung und Haartracht zum Siegel ihrer von der Masse abstechenden Lebenshaltung zu machen und rennen dann als Popper oder Punker durch die Gegend, gehen in ihrer Selbstdarstellung so sehr auf, dass sie sich wechselseitig verprügeln, und beweisen damit, welchen Sinn sie exklusiv beanspruchen, einen Sinn —“ – Reinald Goetz

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