Ich will zu Weihnachten kein Geld, keinen Weltfrieden, ich wünsche mir nur…

Ein Gastbeitrag bei Cpt. Schmock

Der professionelle Soundchecker ist fertig mit seinem „1, 2, Czech Republic“-Gefasel, das Licht geht langsam in die Dämmerung über und der zumindest immer noch auf Tonträger dröhnende Lemmi wird mitten im Lied seiner Stimme beraubt. Um mich herum wird die Menschenmenge zunehmend hibbeliger und hie- und da sind auch schon die ersten, noch etwas schüchternen, von Aufregung zeugenden, Laute zu vernehmen. Die Stimmung lädt sich sukzessiv immer weiter auf, bis sie sich mit den ersten Bewegungen auf der Bühne in einem Schwall aus Schreien, Kreischen, Gezappel, Hüpfen und Zahnbelag entlädt. Hier begeistern sich die Leute noch so richtig für ein Konzert! Doch so freudenschwanger und voller Erregung die Luft auch ist, einfangen lassen kann ich mich von der Atmosphäre irgendwie nicht. Wenn ich zur Seite schaue, fühle ich mich alt. Nicht nur so ein bisschen „oh nein, schon wieder ein Jahr rum“-Alt, sondern so ein richtig beschissenes „sowas hab ich früher auch gemacht“-Alt. Ich bin zum zweiten Mal in meinem Leben auf einem Pop-Konzert gelandet. Und ich kann noch nicht mal zu meiner Verteidigung sagen „zufällig“.
Genau wie beim ersten Mal ist auch diesmal der Besuch mit einigen Kilometern Anfahrt und Aufwand verbunden. Es ist schon putzig, wie der sonst recht selektive und penible Geschmack, manchmal einfach seine eigenen Schranken ignoriert und sich plötzlich auf Melodien niederlässt, die er sonst nicht mal mit dem Arsch anhört. Zum Glück ist das Internet anonym und die Verbindung verschlüsselt. Aber bevor ich hier die intimsten Hüllen fallen lasse und in Gefahr laufe, auch noch das letzte bisschen Respekt bei Freunden, der Verkäuferin beim Rewe und der eigenen Mutti zu verlieren, schalte ich doch lieber noch den Proxy-server zu. Der nicht öffentlich genannt werden wollende Autor, dessen Schreibstil elektronisch verzerrt wurde um eine Identifikation auszuschließen, ist auf einem „The front bottoms“ Konzert.
Zehn Meter vor mir folgt eine Hand den Gesetzen der Schwerkraft und bringt damit die Saiten seiner Akustik-Gitarre zum Schwingen. Ringsumher Reibung, Wärme, Haare und zappelnde Bewegungen. Wie ein großes, sperriges Müslistück, das in der Packung nach oben wandert, wenn man sie schüttelt, werde ich zunehmend nach hinten verdrängt. Auch wenn es dort etwas weniger elektrisch zugeht, was bleibt ist der chorale Gesang und der prominente Parfümgeruch. Ja richtig, es riecht nach Parfüm, nicht nach Schweiß! Zur Abwechslung mal ganz angenehm. Das Gefühl hier irgendwie fremd zu sein, bleibt aber auch dort bestehen. Scheinbar geht es der Band damit gar nicht so viel anders. Als ein Strauß Blumen unverhofft auf der Bühne landet, freut sich der Sänger wie ein kleiner Junge und fragt den Techniker am Bühnenrand sofort, ob er nicht eine Vase auftreiben kann. Später sauste, um auch dieses Klischee noch zu bedienen, ein Büstenhalter durch die Luft und vor seine Füße. Diesen kommentierte er nur mit einem leicht beschämten Lächeln und den Worten: „Das Ding sieht aber teuer aus. Nach dem Konzert kannst du es gern wieder hier vorn abholen.“ Ich glaube, oder besser hoffe, dass diese unglaublich sympathische Haltung nicht nur gespielt ist. Heutzutage weiß man das nicht mehr so genau. Ich kann mir gut vorstellen, dass man von solchen Reaktionen überrannt werden kann, wenn plötzlich ein Album einschlägt und einen größeren Interessenkreis findet. Und immerhin machen sie ja auch Pop, und das gefällt vielen unterschiedlichen Leuten. Manchmal sogar mir. Und unterm Strich ist es ja auch besser, wenn die Leute so eine kreative, witzige, ehrliche und wenig aufgematschte Musik hören, anstatt Justin Bieber, der 100.000 Mails öffnet und dann wahrscheinlich derbe Rückenschmerzen bekommt, weil er wochenlang vorm Rechner sitzt und Antworten tippt. Armer Kerl, hat noch nicht gelernt, wie ein Spamfilter funktioniert und erwidert vermutlich jede Nachricht mit dem Betreff „Komm zu mir, du wilder Mustang, und ich reite dich durch die Prärie der Gelüste bis dein Hufeisen glüht“ mit den Zeilen: „Liebe XXXLiebesknospe3000. Ich fühle mich geschmeichelt von deinem Verlangen mit mir sinnliche Zärtlichkeiten auszutauschen. Leider befinde ich mich momentan in einer durch Ortswechsel und Hektik geprägten Lebenssituation, in der ich die Befürchtung hege, dir nicht das Maß an Liebe und Aufmerksamkeit zukommen lassen zu können, die du verdienst. Das tut mir jetzt mehr weh als dir. Herzlichste Knuffelgrüße, dein Justin.“.
Nach einer halben Stunde merkt man, dass sich in den vorderen Reihen ein wenig Erschöpfung breit macht. Die Hoppelhäschen hopsen an den Rand des Hoppel-Kessels und lassen sich dort ausschwingen. Aber um nicht ganz so alt und langweilig auszusehen, wie der Rentner links von dem Typen rechts neben mir, lassen sie sich auch dort neue Absurditäten einfallen. Sie heben beide Arme und schwingen diese rhythmisch nach links-links-rechts-rechts-links-links. Das machen die grauen, goldzahnbestückten Statisten mit den künstlichen Hüftgelenken bei meiner Oma im Fernseher auch, wenn sie sich die Hitparade der Volksmusik anschaut. Dann klatscht die Meute nicht nach dem Lied, sondern mittendrin, mit. Auch nicht so mein Fall; meistens ist das Taktgefühl einer popeligen Masse deutlich schlechter als die des eigentlichen Aktes und so eine patschende Hand kann klanglich einer Doublebass dann doch nicht das Wasser reichen. Aber was solls, ich gönn den Leuten ihre Ausdrucksformen. Über die Sinnhaftigkeit des Menschenstapels auf der Bühne bei einem „Modern life is war“ – Konzert kann man sicherlich auch geteilte Meinungen haben.
Aber es gibt eine Sache, die geht wirklich gar nicht. Eine Sache, die kann ich weder belächeln, noch akzeptieren, geschweige denn ignorieren. Eine Sache, die die bitterste, zähste, dunkelste Galle in mir aufsteigen lässt und ein Feuer aus Wut und Verachtung in meinem Inneren entzündet: „Liebe Leute, bitte, bitte, BITTE, lasst eure affen-bekackten-verranzten und verwanzten-piss-Handys in der Hosentasche und schiebt sie mir nicht mitten ins Blickfeld!!! Keiner will diese Scheiße jemals sehen. Die Bildqualität ist grottig; der Ton schlimmer als eine Flohmarktmärchenplatte, die man mit einem Grammophon abspielt; die Aufnahme verwackelt; und die Perspektive langweilig. Ich habe es für einen großen Fortschritt unserer Gesellschaft gehalten, als man die grausame Periode der VHS-Urlaubsvideos überwunden hat. Warum diese Geister aufs Neue heraufbeschwören? Genießt doch einfach den Facettenreichtum und die Einzigartigkeit des Moments, für dessen Teilnahme an ihm ihr dankbar sein könnt. Versucht nicht ihn in eine wenige Mykrometer dicke Siliziumschicht reinzupressen, die Klang, Farben, Stimmungen und das daraus resultierende Gefühl lediglich mit den Zahlen 0 und 1 ausdrücken kann. Du tust viel besser daran, die Eindrücke mit deinen Augen, Ohren, deiner Nase und Haut aufzunehmen und in dir drin abzuspeichern. Dann spürst du auch morgen noch, wenn du an diesen Abend denkst, wie sich der Mensch neben dir an deinem Arm entlangschmiegt; wie eine Schweißperle die Rinne in der Mitte deines Rückens heruntergleitet und dich dabei kitzelt; wie dich der rote Bühnenscheinwerfer zum blinzelt bringt, wenn er aufleuchtet; wie der Bass die feinen Härchen auf deinem Nacken vibrieren lässt; und wie die Melodie dich vollkommen durchdringt und dein Herz zum Tanzen zwingt. Und wenn du das verstanden hast, sage es bitte deiner Freundin weiter. Und ihrem Bruder. Und dessen Klassensprecher oder Betriebsratsvorsitzenden. Und schreibe eine Mail an Justin Bieber. DIESER ABERWITZ MUSS ENDLICH AUFHÖREN!“

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2 Antworten auf „Ich will zu Weihnachten kein Geld, keinen Weltfrieden, ich wünsche mir nur…“


  1. 1 Pöbelmacker 05. Januar 2017 um 8:41 Uhr

    ziemlich witziger Text!!!!
    So ganz will mir aber nicht aufgehen, worauf abgezielt wird…
    Ich mein ja, ein netter Konzertbericht.
    Aber ich glaube die Intention raushören zu können, Begrifflichkeiten, bzw. Welten gegeneinander auspielen zu wollen, die so unterschiedlich gar nicht mehr sind…
    Wem sich die Nackenhaare bei hoppelnden Häschen, „parfümierten“ Lackaffen und Publikumsanimation aufstellen, sollte vielleicht wirklich nicht auf ein Konzert von „Modern Life Is War“ gehen… Ich mein, mal im ernst, exklusive Begriffe wie Punk, Pop oder sonstiges machten vielleicht noch Sinn in den 80ern, bzw. noch nicht einmal da, weil Punk ja, eben, sehr populär war, was doch irgendwie den Kern dieses Begriffes ausmacht, oder nicht? Oder was genau ist dieser Punk, den jede Arschnase, die in der Lage ist, eine Gitarre zu halten, für sich zu vereinnahmen meint. Wo hört dieser Punk auf und wo beginnt die Pop-Musik… Etwa schon da, wo DIY und Punk nicht mehr verglichen werden kann mit einem verwackelten, unhörbaren Handy-Video??

  2. 2 Pöbelmacker 05. Januar 2017 um 11:46 Uhr

    Der letzte Abschnitt gefällt mir sehr gut, umreißt doch schön, worum es bei Musik geht… Ich bin wirklich ein bißchen gelangweilt von Leuten, deren Herangehensweiße an Musik eine fast schon kriegerische ist, als gält es, irgendwelche unhaltbaren Identitäten über den Damm zu retten, oder darum die „Ungläubigen“ ein für alle Male auszurotten, nicht überspitzt formuliert: Leute auszustechen… Wirklich mal, solche Menschen sollten sich -meiner Meinung nach- überlegen, ob sie in irgendeiner Mannschaftssportart nicht besser aufgehoben wären. Völkerball z.B., eine der wahnsinnig vielen allzu-deutschen Traditionen…

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