Der Narzisst und seine „Follower“

Eigentlich hatte ich mal vor einen Artikel zu schreiben, der ungefähr so betitelt gewesen wäre: „Lustige Szenetypen“…
Angefangen hätte diese Serie wohl mit dem „Kontrollfreak“. Es hätte wirklich eine ganz unterhaltsame, selbstironische Geschichte werden können,
eine Geschichte, geprägt von Selbtszweifeln, Ängsten und totaler Erschöpfung. Ich denke, der erste Satz wäre gewesen:
„Der Kontrollfreak“ ist ein Einzelgänger, meistens anzutreffen in Bereichen wie Booking, Promotion, Labelarbeit (wie ich diese Begriffe hasse!!!) und Tourbegleitung. Schwitzend, stinkend, vom Kapitalismus ganz tief in’s Hirn gefickt, stehen sie am Rande des Geschehens, überschlagen Gästezahlen, Reaktion des Publikums und und und, kommen nie zu einem befriedigenden Ergebnis. Ihre Seele längst verkauft, ihr Gewissen sowieso, werden sie zwischen den Instanzen zerrieben, werden nie jemandem gerecht, weder Bands, noch Publikum noch sonst wem. Sie sind die selbsterwählten Arschlöcher der Szene und vielleicht die Süchtigsten nach diesem Mummenschanz.
Aber ein Typus Mensch ist wohl in jeder Szene anzutreffen, bzw. scheint dieser fast schon prädestiniert, die Bühnen und die Herzen dieser Welt zu erobern: „Der Narzisst“. Wer dachte, der „Kontrollfreak“ wäre ein rastloses, nimmersattes Wesen, der oder die bekam es noch nicht mit dem Narzissten, und seiner omnipräsenten Geltungssucht zu tun. Was für De Gaulles Staatendefintion zutraf, trifft auch auf den Narzissten zu: „Narzissten haben keine Freunde, sie haben Interessen“ oder halt ein unstillbares Verlangen nach Anerkennung, Menschen, die ihnen den Speichel lecken, ihre eingetrocknete Scheiße aus der Toilette kratzen und diese als Reliquie für die Nachwelt aufbewahren. Vielleicht habt ihr ja auch schon mal ein Exemplar dieser Gattung kennengelernt, vielleicht befindet sich auch eines in eurem Freundeskreis. Wer weiß das schon? Ist ja aber auch egal, die Welt ist in Ordnung so lange man eine gute Zeit zusammen haben kann und sich gegenseitig den Spaß besorgt. Dafür sind wir doch schließlich da! Hirn aus, Bier an, „mit den richtigen Leuten kann man auch auf dem Volksfest Spaß haben“, sagen ALLE, die da hingehen.
Als ich diesen Satz las, warf ich meine Idee über die „lustigen Szenetypen“ doch wieder über Bord und sorge ein Stück weit doch für eine Form der Anerkennung:
„Doch Geltungsdrang ist wie eine Droge, die ständig eine höhere Dosierung benötigt, um noch zu wirken. Entsprechend schlecht sind Narzissten darin, langfristige oder gar verlässliche Beziehungen aufzubauen. Sie benötigen ständig neue Fan-Kreise – oder wenn sie es schon recht weit gebracht haben: wechselnde Bewunderer und Bestätigungen – sei es durch wachsende Boni oder dankbare Betätigungsfelder mit viel Ruhm inside.“
Nicht gerade ein literarisch, goldener Erguss, zumal, wenn man in Betracht zieht, wo ich diesen Satz herhabe. Aber das sage ich euch nicht!
Narzissten können in anderen Menschen nur sich selbst lieben, wählen ihr Umfeld mit Bedacht nach diesen Kategorien aus, dass eine Partnerschaft zu einem solchen Menschen genauso aussehen muss, entzieht sich nicht der Vorstellungswelt:
„Der Narzisst wird in der Beziehung sehr schnell klarmachen, dass keinesfalls „Gleiches Recht für alle“ gilt. Der Narzisst kümmert sich um die wichtigen Dinge des Lebens: Er schafft das Geld herbei, besorgt eine Wohnung, regelt die Rechtsgeschäfte, bucht den Urlaub und kümmert sich um alle wirklich wichtigen Angelegenheiten. Triviale Tätigkeiten wie z. B. den Müll rauszubringen, aufzuräumen, zu spülen oder zu putzen sind nicht mit dem Status eines Narzissten zu vereinbaren. Er will in der Partnerschaft den Rücken freigehalten bekommen und nicht mit niederen Aufgaben belästigt werden.“
Puh, ein denkbar unangenehmer (Zeit)genosse muss dieser Narzisst sein, kaum auszumalen, wie ein solcher Mensch mit jemandem umgeht, wenn dieser nicht mehr dafür sorgen möchte, dass genau solche Bedürfnisse, also das unstillbare Verlangen nach Anerkennung, Fans, Follower, Medaillen und und und gestillt wird. Je tiefer ich mich in die Charakterisierung eines solchen Menschen reinlese, desto mehr bin ich froh, dass ich niemanden in meinem Freundeskreis habe, auf den diese Beschreibung zutrifft.

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