Teil einer Jugendbewegung

„Das war die neue Split von „Waldeinsamkeit“ mit „AllThatYouAreIsPain“
Aus Respekt vor der Musik fadet Martin, der heute mischt, die Platte langsam aus. Von der Bühne herunter hört man das Geräusch der Nebelmaschine. Die Stimmung ist weihevoll und fast schon elektrisch aufgeladen, als die fünf Bandmitglieder die Bühne betreten und sich ihre Instrumente greifen. Sacht gleiten die Nebelschwaden über den Boden, die ersten Akkorde erklingen und der markerschütternde Schrei des Sängers bringt den Raum zum Beben; das Licht wechselt vom sterilen, kalten Weiß nach Rot und die WallOfSound überrollt mich förmlich. Nicht nur mich, auch die sieben anderen im Raum werden wie die Grashalme ein Stück nach hinten gebogen, werden in das höchst emotional-aufgeladene Bad aus Klängen getaucht.
Ich spüre die Gänsehaut auf meinem Arm, spüre wie sich bei mir die selben Gefühle einstellen, wie damals als ich sukzessive die Packung von CallOfDuty aufriss, die CD nach oben schüttelte und meinen Joystick schon mal bereitstellte um mich in die Schlacht zu stürzen.
Augenblicklich stellt sich eine Verbindung der Menschen untereinander im Raum ein, untstrichen und förmlich herbeigezaubert von den epischen Klanggemälden der Band – ich kann das fühlen.
Endlich Teil von etwas, das die Menschen noch auf einer Ebene zu verbinden weiß, fern der digitalen Kälte und studentischen Oberflächlichkeit, fern der gesellschaftlichen Zwänge und Anrufe von Mutti, die einfach nicht meinen Schmerz verstehen will. Ich meine, schau dich doch mal um. Die Apokalypse steht wirklich vor der Tür und nur ein Dummkopf verweigert sich dieser Erkenntnis, verschließt noch die Augen davor. Ich versuche diese Gedanken abzuschütteln und gehe an die Bar. Die Maren ist gerade dabei Kerzen anzuzünden und schenkt mir ein warmes Lächeln. Hach, die Maren. Ich kann mich noch gut an die Wanderung auf Irland erinnern. Weit und breit keine Menschenseele, nur die Maren und ich und ab und an ein paar Schafköttel auf unserem Pfad – und Regen, nichts als Regen. Am liebsten würde ich ihr den Aschenbecher über den Kopf ziehen, der Maren, stattdessen zähle ich auf zehn, spüre wie eine Schweißperle von einem krausen Haar in meiner Achselhöhle tropft und sanft an meiner Flanke nach unten perlt. Ich hasse dieses Gefühl, lächle zurück und frage sie nach einem Bier. Ich muss brüllen, damit sie mich noch verstehen kann, fast wie früher, als wir noch ein glückliches Paar waren.
Auf der Bühne wechselt die Band abrupt vom rasend lauten Zusammenspiel zu einem, vom Gitarristen leise gezupften, Instrumental. Der Sänger, tritt mit gesenktem Haupt an die Bühnenfront, beleuchtet von einem einzigen Strahler, hebt langsam den Kopf, öffnet die Augen und beginnt zu sprechen:
Liebe Gemeinde, wir haben uns heute hier zusammengefunden…

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