Dorf

Wiese, Wald, Schützenverein, Bauwagen, Bäckerei und zwei Kippenautomaten. Wo bin ich hier nur gestrandet? Ich meine, nicht, dass ich nicht gewarnt wurde, aber leider kann man sich nicht immer aussuchen, wohin es einen verschlägt. Wenn ich Dorf meine, meine ich Dorf, dann ist z.B. die Rede von den Lederhosenburschen, die, nach dem Volksfest auf Krawall gebürstet, Frauen hinterherpfeifend, den Rosen-Verkäufer „mal so richtig“ aufziehen wollen und ihren Rassismus, aufgegeilt durch das völkische Happening, in den nächtlichen Äther blöken. Selten habe ich mich so heiser geschrien, wie sie da selbstgenügsam, einsgeworden mit ihren kotzestarrenden Trachten, an der Bushaltestelle neben mir saßen, aufgeschwemmt vom Alkohol und sich schweinisch suhlten in ihrer besoffenen Ekelhaftigkeit. Erschrocken wurde ich aus 6 Augenpaaren nach der Hasstirade angeschaut, versuchte wiederum mein Augenpaar in den Höhlen zu halten um sie nicht zu todbringenden Geschossen zu machen und für unnötige Furore zu sorgen. Ich glaube die hielten mich einfach nur für wahnsinnig Das ist wohl meine Geheimkraft. Von 0 auf „Komplett Irre“ in Bruchteilen von Sekunden. Dann, peinliches Schweigen, auch als wir feststellten, wir haben den selben Weg, also in die Niederungen des ländlichen Daseins – mit dem selben Bus. Ich versuchte meinen wahnsinnigen Blick aufrechtzuerhalten, bißchen Schaum vor dem Mund wäre hilfreich gewesen. Steigt bloß nicht aus, wo ich aussteige, lasst mich in Ruhe, ihr Seppel, ich bin bis an die Zähne bewaffnet mit Unlust heute noch aufgemischt zu werden. „Unser Dorf bleibt rein“ vernahm ich aus lallender, wieder etwas sicherer Kehle. Ja, das glaube ich auch. Das Dorf bleibt rein von Verstand, von Geschmack was Kleidung, Musik und sonstige Freizeitgestaltung betrifft. Ich entging den Schlägen meines Lebens.

Wirklich vorsichtig gilt es auf dem Dorf zu sein. Am Besten erst gar kein Interesse an den „Eingeborenen“ zeigen, denn dann ist man verloren, wird Teil des Kultes, muss sich Meinungen anhören, bilden, aktiv am Geschehen teilnehmen. Am Besten nur nach Sonnentuntergang vor die Tür gehen und sich ansonsten in den Schatten bewegen wie ein Ninja. Sollen sie doch lieber denken, ich würde vermisste Haustiere rituell zu schallend lautem Deathmetal in meinem Kellergewölbe schlachten, würde Baal huldigen und im Schlaf seltsam-gutturale Laute von mir geben, die des Nachts über die Straße wehen, wie Gespenster aus einer längst vergessenen Zeit, als mir auf die Schliche zu kommen, dass da verdammt wenig Interesse in mir zu finden ist, aktiver Bestandteil dieses sprichwörtlichen Misthaufens zu werden.
Aber nicht immer funktioniert das so ausgezeichnet, wie man das gerne hätte. So wurde ich als passiver Beobachter in einen Nachbarschaftsstreit verwickelt, der darum geht, dass das eine Haus dem anderen die Sicht klaut, weil es erhöht werden muss, will, kann, darf – und wieder einmal mehr wurde das „soziale Gefälle“ anhand der Straßenseite, auf der man wohnt, gewahr. Es wurde also Front gemacht gegen den akademischen Villen-Besitzer, der seine Aussicht (auf das Dorf) weiterhin genießen will. Bürgermeister, Dorfpfarrer und co, wurden hinzugezogen, selbst ich hätte auf die Seite der Gerechten gezogen werden sollen, auf die Seite „des kleinen Mannes“, der sich sein Recht auf ein 50cm höheres Dach behalten will. Unter Androhung von Schlägen wurde die Bauaufsicht vertrieben. Es herrscht also Krieg. Und ich bin wirklich versucht, wenn es mir denn möglich wäre, diesen noch anzuheizen, mich zur Eskalation des Ganzen ebenfalls zu rüsten und zwar mit Chips und Popcorn. Zu gerne würde ich die Sandsäcke zwischen den Straßenseiten sehen, die atomare Hochrüstung der Luxusproblemchen, Selbstschussautomaten, pattrouillierende Söldner, Wasser-Gruben mit Haifischen, Stracheldraht und all der Quatsch. Und wieder einmal: Wenn es nach der Meinung des „kleinen Mannes“ geht, soll das Dorf auch rein bleiben, also frei von Akademikern und am Besten natürlich auch von allen Anderen, die hier nicht in jahrelanger, inzestuöser Kleinarbeit herangezüchtet wurden.
Wirklich, sollen sie sich doch gegenseitig abschaffen, die Deutschen auf dem Dorf.

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