Warum „The Night Of“ eine sehenswerte Serie ist

Zwei, aus Pakistan stammende Männer sitzen mit ernsten Mienen an einem Tisch einer Imbiss-Bude in einer amerikanischen Großstadt, aus den Boxen tönt laute arabische Musik, fragt der eine den Anderen „Wo ist es?“. Antwortet der andere: „Wo ist was?“

Keine andere Serie spielt so gekonnt mit den Erwartungen, die man an amerikanisches Fernsehen und Kino hat. In jeder anderen Serie würde jetzt Geld in einer Tasche oder wahlweiße in einem Müllsack über den Tisch geschoben werden, oder es explodiert bald eine Bombe oder die Situation eskaliert in einer wilden Schießerei. Aber nicht bei „The Night Of“, was für mich eine der Serien-Überraschungen schlechthin ist und ein stilles, schwermütiges Aufbegehren gegen Rassismus, der in Form einer (wie es im Film genannt wird) „9/11 Paranoia“ das ganze Land befallen hat.

Die Story ist eigentlich simpel, könnte aber wahlweiße auch in jedem anderen westlichen Land so stattfinden. Nazir „Naz“ Khan, Sohn einer, aus Pakistan stammenden Familie, verabredet sich auf eine Party und leiht sich das Taxi seines Vaters, um dort hin zu kommen. Da er das Taxi-Schild nicht ausschalten kann, wird er immer wieder von potentiellen Gästen bedrängt, bis sein Schicksal in Form von der etwa gleichaltrigen, geheimnisvollen Andrea zu ihm steigt.
Nazir wird schnell von der jungen Frau eingenommen, fährt mit ihr quer durch die Nacht und es kommt wie es kommen muss. Nach einem Aufenthalt am Strand, etwas MDMA, reichlich Alkohol landen die Beiden bei Andrea in der Bude und schließlich in ihrem Bett. Hier geschieht der Bruch.
Nazir wacht am nächsten Morgen in der Küche auf, findet die blutberströmte Andrea im Bett vor und macht sich vom Acker, wird aber prompt von einer Polizeistreife angehalten und die eigentliche Geschichte beginnt.
Andrea ist tot, erstochen, Nazir, der sich an nichts mehr erinnern kann, aber ein blutiges Messer bei sich hat, mit dem die beiden die Nacht zuvor blöderweiße Messer-Roulette spielten und er sie dabei tatsächlich in die Hand stach, landet in Untersuchungshaft und das Gerichtsdrama kann seinen freien Lauf nehmen.
Nazir, die Naivität in Person, wird von einem Anwalt, den die Polizisten „Den Roten“ nennen, in Anwalts-Obhut genommen – eine skurrile, abgehalfterte Type, die bevorzugt Junkies und Prostituierte verteidigt. Eigentlich die a-typische Anwalts-Verkörperung wie man sie komischerweiße am meisten schätzen lernen durfte in Serien. Sein Hautausschlag, der ihn schon seit Dekaden plagt und ihn sogar in eine Selbsthilfegruppe beförderte, macht ihn nur noch sympathischer und die Szenen bei seinen unzähligen Ärzten, Quacksalbern und Apothekern lockern die eigentlich trübe Stimmung der Serie immer wieder auf.

Wie es nun mal ist, wird von den lokalen Medien der Mord aufgegriffen und der unterschwellige Rassismus bricht sich in hässlichster Manier Bahn. Nazirs Mutter verliert ihren Job, auf ihr Haus und ihre Wege werden Hakenkreuze geschmiert.
Alles scheint gegen die Unschuldigkeit Nazirs zu sprechen, der aufgrund dessen selbst im Gefängnis zum Freiwild wird.
Ein „unschuldiges Mädchen“ zu töten scheint selbst den Gefängnisinsassen zu viel zu sein und er erlebt dort jegliche Form der Schikane, bis er tatsächlich an einen Gangster-Boss gerät, der auch in einer der Zellen sein Dasein fristet und ihm gegen den Austausch von Loyalität und „kleiner Gefälligkeiten“ Schutz verspricht.
Fröhlich geht die Drogenkarriere Nazirs weiter, Gewalt wird fast schon normal für ihn und seine komplette Persönlichkeit steht vor der völligen Zerstückelung, was die Serie auch zu einer sehr gelungen Kritik am „Inhaftierungs-System“ der USA macht.

Wie gesagt, was die Serie so besonders macht, ist dass sie mit rassistischen Stereotypen, wie man sie aus dem amerikanischen Fernsehen und darüber hinaus kennt, gekonnt umzugehen weiß. Die oben genannte Schlüsselszene, so lustig sie irgendwie sein mag, zeigt wieder mal bestens auf, wie es in den Gehirnen der Meisten aussieht und wer das Alles als ausschließlich amerikanisches Phänomen abtun möchte, wird auch hierzulande immer wieder von der Realität eingeholt; dabei sei nur an die NSU-Prozesse erinnert, bei denen den Opfern erst mal unterstellt wurde, in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen zu sein oder natürlich auch die jüngsten Hetzjagden in Chemnitz.
„The Night Of“ ist wahrlich kein „Feel-Good-Fernsehen“, aber durch die Anwaltsfigur und die leise „Ironie“ wird der Serie immer wieder die eigentliche Schwere genommen.

Klar, kann man natürlich sagen, dass hier auch nur wieder die unendliche Geschichte des „guten Islam“ gepredigt wird, aber mal ehrlich, in einer Welt, in der selbst Punkbands in den Fokus des FBI gerückt werden, weil sie auf arabisch singen und sich „Haram“ nennen, ist eine solche Serie erstmal ein wichtigeres Statement.

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